Seite - 1072 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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In meiner Traumdeutung habe ich als unverstandenes Ergebnis der analytischen Bemühung eine
Behauptung aufgestellt, die ich nun zu Eingang dieses Referates wiederholen werde[75]:
»Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kategorie von Gegensatz und
Widerspruch. Dieser wird schlechtweg vernachlässigt. Das ›Nein‹ scheint für den Traum nicht zu
existieren. Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusammengezogen oder
in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch die Freiheit, ein beliebiges Element durch
seinen Wunschgegensatz darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen
Elemente weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ enthalten ist.«
Die Traumdeuter des Altertums scheinen von der Voraussetzung, daß ein Ding im Traume sein
Gegenteil bedeuten könne, den ausgiebigsten Gebrauch gemacht zu haben. Gelegentlich ist diese
Möglichkeit auch von modernen Traumforschern, insofern sie dem Traume überhaupt Sinn und
Deutbarkeit zugestanden haben, erkannt[76]. Ich glaube auch keinen Widerspruch hervorzurufen,
wenn ich annehme, daß alle diejenigen die oben zitierte Behauptung bestätigt gefunden haben,
welche mir auf den Weg einer wissenschaftlichen Traumdeutung gefolgt sind.
Zum Verständnisse der sonderbaren Neigung der Traumarbeit, von der Verneinung abzusehen
und durch dasselbe Darstellungsmittel Gegensätzliches zum Ausdrucke zu bringen, bin ich erst
durch die zufällige Lektüre einer Arbeit des Sprachforschers K. Abel gelangt, welche, 1884 als
selbständige Broschüre veröffentlicht, im nächsten Jahre auch unter die Sprachwissenschaftlichen
Abhandlungen des Verfassers aufgenommen worden ist. Das Interesse des Gegenstandes wird es
rechtfertigen, wenn ich die entscheidenden Stellen der Abelschen Abhandlung nach ihrem vollen
Wortlaute (wenn auch mit Weglassung der meisten Beispiele) hier anführe. Wir erhalten nämlich
die erstaunliche Aufklärung, daß die angegebene Praxis der Traumarbeit sich mit einer
Eigentümlichkeit der ältesten uns bekannten Sprachen deckt.
Nachdem Abel das Alter der ägyptischen Sprache hervorgehoben, die lange Zeiten vor den ersten
hieroglyphischen Inschriften entwickelt worden sein muß, fährt er fort (S. 4):
»In der ägyptischen Sprache nun, dieser einzigen Reliquie einer primitiven Welt, findet sich eine
ziemliche Anzahl von Worten mit zwei Bedeutungen, deren eine das gerade Gegenteil der andern
besagt. Man denke sich, wenn man solch augenscheinlichen Unsinn zu denken vermag, daß das
Wort ›stark‹ in der deutschen Sprache sowohl ›stark‹ als ›schwach‹ bedeute; daß das Nomen
›Licht‹ in Berlin gebraucht werde, um sowohl ›Licht‹ als ›Dunkelheit‹ zu bezeichnen; daß ein
Münchener Bürger das Bier ›Bier‹ nennte, während ein anderer dasselbe Wort anwendete, wenn
er vom Wasser spräche, und man hat die erstaunliche Praxis, welcher sich die alten Ägypter in
ihrer Sprache gewohnheitsmäßig hinzugeben pflegten. Wem kann man es verargen, wenn er dazu
ungläubig den Kopf schüttelt? …« (Beispiele.)
(Ibid., S. 7): »Angesichts dieser und vieler ähnlicher Fälle antithetischer Bedeutung (siehe
Anhang) kann es keinem Zweifel unterliegen, daß es in einer Sprache wenigstens eine Fülle von
Worten gegeben hat, welche ein Ding und das Gegenteil dieses Dinges gleichzeitig bezeichneten.
Wie erstaunlich es sei, wir stehen vor der Tatsache und haben damit zu rechnen.«
Der Autor weist nun die Erklärung dieses Sachverhaltes durch zufälligen Gleichlaut ab und
verwahrt sich mit gleicher Entschiedenheit gegen die Zurückführung desselben auf den Tiefstand
der ägyptischen Geistesentwicklung:
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin