Seite - 1087 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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II
Wenn wir jetzt an die Musterung der Personen und Dinge, Eindrücke, Vorgänge und Situationen
herangehen, die das Gefühl des Unheimlichen in besonderer Stärke und Deutlichkeit in uns zu
erwecken vermögen, so ist die Wahl eines glücklichen ersten Beispiels offenbar das nächste
Erfordernis. E. Jentsch hat als ausgezeichneten Fall den »Zweifel an der Beseelung eines
anscheinend lebendigen Wesens und umgekehrt darüber, ob ein lebloser Gegenstand nicht etwa
beseelt sei« hervorgehoben und sich dabei auf den Eindruck von Wachsfiguren, kunstvollen
Puppen und Automaten berufen. Er reiht dem das Unheimliche des epileptischen Anfalls und der
Äußerungen des Wahnsinnes an, weil durch sie in dem Zuschauer Ahnungen von automatischen
– mechanischen – Prozessen geweckt werden, die hinter dem gewohnten Bilde der Beseelung
verborgen sein mögen. Ohne nun von dieser Ausführung des Autors voll überzeugt zu sein,
wollen wir unsere eigene Untersuchung an ihn anknüpfen, weil er uns im weiteren an einen
Dichter mahnt, dem die Erzeugung unheimlicher Wirkungen so gut wie keinem anderen gelungen
ist.
»Einer der sichersten Kunstgriffe, leicht unheimliche Wirkungen durch Erzählungen
hervorzurufen«, schreibt Jentsch, »beruht nun darauf, daß man den Leser im Ungewissen darüber
läßt, ob er in einer bestimmten Figur eine Person oder etwa einen Automaten vor sich habe, und
zwar so, daß diese Unsicherheit nicht direkt in den Brennpunkt seiner Aufmerksamkeit tritt,
damit er nicht veranlaßt werde, die Sache sofort zu untersuchen und klarzustellen, da hiedurch,
wie gesagt, die besondere Gefühlswirkung leicht schwindet. E. T. A. Hoffmann hat in seinen
Phantasiestücken dieses psychologische Manöver wiederholt mit Erfolg zur Geltung gebracht.«
Diese gewiß richtige Bemerkung zielt vor allem auf die Erzählung ›Der Sandmann‹ in den
Nachtstücken (dritter Band der Grisebachschen Ausgabe von Hoffmanns sämtlichen Werken),
aus welcher die Figur der Puppe Olimpia in den ersten Akt der Offenbachschen Oper Hoffmanns
Erzählungen gelangt ist. Ich muß aber sagen – und ich hoffe, die meisten Leser der Geschichte
werden mir beistimmen, – daß das Motiv der belebt scheinenden Puppe Olimpia keineswegs das
einzige ist, welches für die unvergleichlich unheimliche Wirkung der Erzählung verantwortlich
gemacht werden muß, ja nicht einmal dasjenige, dem diese Wirkung in erster Linie
zuzuschreiben wäre. Es kommt dieser Wirkung auch nicht zustatten, daß die Olimpia-Episode
vom Dichter selbst eine leise Wendung ins Satirische erfährt und von ihm zum Spott auf die
Liebesüberschätzung von seiten des jungen Mannes gebraucht wird. Im Mittelpunkt der
Erzählung steht vielmehr ein anderes Moment, nach dem sie auch den Namen trägt und das an
den entscheidenden Stellen immer wieder hervorgekehrt wird: das Motiv des Sandmannes, der
den Kindern die Augen ausreißt.
Der Student Nathaniel, mit dessen Kindheitserinnerungen die phantastische Erzählung anhebt,
kann trotz seines Glückes in der Gegenwart die Erinnerungen nicht bannen, die sich ihm an den
rätselhaft erschreckenden Tod des geliebten Vaters knüpfen. An gewissen Abenden pflegte die
Mutter die Kinder mit der Mahnung zeitig zu Bette zu schicken: Der Sandmann kommt, und
wirklich hört das Kind dann jedesmal den schweren Schritt eines Besuchers, der den Vater für
diesen Abend in Anspruch nimmt. Die Mutter, nach dem Sandmann befragt, leugnet dann zwar,
daß ein solcher anders denn als Redensart existiert, aber eine Kinderfrau weiß greifbarere
Auskunft zu geben: »Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bette
gehen wollen, und wirft ihnen Hände voll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopfe
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin