Seite - 1088 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Atzung für seine
Kinderchen, die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel wie die Eulen, damit picken sie
der unartigen Menschenkindlein Augen auf.«
Obwohl der kleine Nathaniel alt und verständig genug war, um so schauerliche Zutaten zur Figur
des Sandmannes abzuweisen, so setzte sich doch die Angst vor diesem selbst in ihm fest. Er
beschloß zu erkunden, wie der Sandmann aussehe, und verbarg sich eines Abends, als er wieder
erwartet wurde, im Arbeitszimmer des Vaters. In dem Besucher erkennt er dann den Advokaten
Coppelius, eine abstoßende Persönlichkeit, vor der sich die Kinder zu scheuen pflegten, wenn er
gelegentlich als Mittagsgast erschien, und identifiziert nun diesen Coppelius mit dem
gefürchteten Sandmann. Für den weiteren Fortgang dieser Szene macht es der Dichter bereits
zweifelhaft, ob wir es mit einem ersten Delirium des angstbesessenen Knaben oder mit einem
Bericht zu tun haben, der als real in der Darstellungswelt der Erzählung aufzufassen ist. Vater
und Gast machen sich an einem Herd mit flammender Glut zu schaffen. Der kleine Lauscher hört
Coppelius rufen: »Augen her, Augen her«, verrät sich durch seinen Aufschrei und wird von
Coppelius gepackt, der ihm glutrote Körner aus der Flamme in die Augen streuen will, um sie
dann auf den Herd zu werfen. Der Vater bittet die Augen des Kindes frei. Eine tiefe Ohnmacht
und lange Krankheit beenden das Erlebnis. Wer sich für die rationalistische Deutung des
Sandmannes entscheidet, wird in dieser Phantasie des Kindes den fortwirkenden Einfluß jener
Erzählung der Kinderfrau nicht verkennen. Anstatt der Sandkörner sind es glutrote
Flammenkörner, die dem Kinde in die Augen gestreut werden sollen, in beiden Fällen, damit die
Augen herausspringen. Bei einem weiteren Besuche des Sandmannes ein Jahr später wird der
Vater durch eine Explosion im Arbeitszimmer getötet; der Advokat Coppelius verschwindet vom
Orte, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Diese Schreckgestalt seiner Kinderjahre glaubt nun der Student Nathaniel in einem
herumziehenden italienischen Optiker Giuseppe Coppola zu erkennen, der ihm in der
Universitätsstadt Wettergläser zum Kauf anbietet und nach seiner Ablehnung hinzusetzt: »Ei, nix
Wetterglas, nix Wetterglas! – hab auch sköne Oke – sköne Oke.« Das Entsetzen des Studenten
wird beschwichtigt, da sich die angebotenen Augen als harmlose Brillen herausstellen; er kauft
dem Coppola ein Taschenperspektiv ab und späht mit dessen Hilfe in die gegenüberliegende
Wohnung des Professors Spalanzani, wo er dessen schöne, aber rätselhaft wortkarge und
unbewegte Tochter Olimpia erblickt. In diese verliebt er sich bald so heftig, daß er seine kluge
und nüchterne Braut über sie vergißt. Aber Olimpia ist ein Automat, an dem Spalanzani das
Räderwerk gemacht und dem Coppola – der Sandmann – die Augen eingesetzt hat. Der Student
kommt hinzu, wie die beiden Meister sich um ihr Werk streiten; Der Optiker hat die hölzerne,
augenlose Puppe davongetragen, und der Mechaniker, Spalanzani, wirft Nathaniel die auf dem
Boden liegenden blutigen Augen Olimpias an die Brust, von denen er sagt, daß Coppola sie dem
Nathaniel gestohlen. Dieser wird von einem neuerlichen Wahnsinnsanfall ergriffen, in dessen
Delirium sich die Reminiszenz an den Tod des Vaters mit dem frischen Eindruck verbindet: »Hui
– hui – hui! – Feuerkreis – Feuerkreis! Dreh’ dich, Feuerkreis – lustig – lustig! Holzpüppchen
hui, schön Holzpüppchen dreh’ dich –.« Damit wirft er sich auf den Professor, den angeblichen
Vater Olimpias, und will ihn erwürgen.
Aus langer, schwerer Krankheit erwacht, scheint Nathaniel endlich genesen. Er gedenkt, seine
wiedergefundene Braut zu heiraten. Sie ziehen beide eines Tages durch die Stadt, auf deren
Markt der hohe Ratsturm seinen Riesenschatten wirft. Das Mädchen schlägt ihrem Bräutigam
vor, auf den Turm zu steigen, während der das Paar begleitende Bruder der Braut unten verbleibt.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin