Seite - 1091 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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dem Leser bisher vorenthaltenen Voraussetzungen der Handlung nachgetragen werden, ist das
Ergebnis nicht die Aufklärung des Lesers, sondern eine volle Verwirrung desselben. Der Dichter
hat zu viel Gleichartiges gehäuft; der Eindruck des Ganzen leidet nicht darunter, wohl aber das
Verständnis. Man muß sich damit begnügen, die hervorstechendsten unter jenen unheimlich
wirkenden Motiven herauszuheben, um zu untersuchen, ob auch für sie eine Ableitung aus
infantilen Quellen zulässig ist. Es sind dies das Doppelgängertum in all seinen Abstufungen und
Ausbildungen, also das Auftreten von Personen, die wegen ihrer gleichen Erscheinung für
identisch gehalten werden müssen, die Steigerung dieses Verhältnisses durch Überspringen
seelischer Vorgänge von einer dieser Personen auf die andere – was wir Telepathie heißen
würden –, so daß der eine das Wissen, Fühlen und Erleben des anderen mitbesitzt, die
Identifizierung mit einer anderen Person, so daß man an seinem Ich irre wird oder das fremde Ich
an die Stelle des eigenen versetzt, also Ich-Verdopplung, Ich-Teilung, Ich-Vertauschung – und
endlich die beständige Wiederkehr des Gleichen, die Wiederholung der nämlichen Gesichtszüge,
Charaktere, Schicksale, verbrecherischen Taten, ja der Namen durch mehrere
aufeinanderfolgende Generationen.
Das Motiv des Doppelgängers hat in einer gleichnamigen Arbeit von O. Rank eine eingehende
Würdigung gefunden[84]. Dort werden die Beziehungen des Doppelgängers zum Spiegel- und
Schattenbild, zum Schutzgeist, zur Seelenlehre und zur Todesfurcht untersucht, es fällt aber auch
helles Licht auf die überraschende Entwicklungsgeschichte des Motivs. Denn der Doppelgänger
war ursprünglich eine Versicherung gegen den Untergang des Ichs, eine »energische
Dementierung der Macht des Todes« (O. Rank), und wahrscheinlich war die »unsterbliche« Seele
der erste Doppelgänger des Leibes. Die Schöpfung einer solchen Verdopplung zur Abwehr gegen
die Vernichtung hat ihr Gegenstück in einer Darstellung der Traumsprache, welche die Kastration
durch Verdopplung oder Vervielfältigung des Genitalsymbols auszudrücken liebt; sie wird in der
Kultur der alten Ägypter ein Antrieb für die Kunst, das Bild des Verstorbenen in dauerhaftem
Stoff zu formen. Aber diese Vorstellungen sind auf dem Boden der uneingeschränkten
Selbstliebe entstanden, des primären Narzißmus, welcher das Seelenleben des Kindes wie des
Primitiven beherrscht, und mit der Überwindung dieser Phase ändert sich das Vorzeichen des
Doppelgängers, aus einer Versicherung des Fortlebens wird er zum unheimlichen Vorboten des
Todes.
Die Vorstellung des Doppelgängers braucht nicht mit diesem uranfänglichen Narzißmus
unterzugehen; denn sie kann aus den späteren Entwicklungsstufen des Ichs neuen Inhalt
gewinnen. Im Ich bildet sich langsam eine besondere Instanz heraus, welche sich dem übrigen
Ich entgegenstellen kann, die der Selbstbeobachtung und Selbstkritik dient, die Arbeit der
psychischen Zensur leistet und unserem Bewußtsein als »Gewissen« bekannt wird. Im
pathologischen Falle des Beachtungswahnes wird sie isoliert, vom Ich abgespalten, dem Arzte
bemerkbar. Die Tatsache, daß eine solche Instanz vorhanden ist, welche das übrige Ich wie ein
Objekt behandeln kann, also daß der Mensch der Selbstbeobachtung fähig ist, macht es möglich,
die alte Doppelgängervorstellung mit neuem Inhalt zu erfüllen und ihr mancherlei zuzuweisen,
vor allem all das, was der Selbstkritik als zugehörig zum alten überwundenen Narzißmus der
Urzeit erscheint[85].
Aber nicht nur dieser der Ich-Kritik anstößige Inhalt kann dem Doppelgänger einverleibt werden,
sondern ebenso alle unterbliebenen Möglichkeiten der Geschicksgestaltung, an denen die
Phantasie noch festhalten will, und alle Ich-Strebungen, die sich infolge äußerer Ungunst nicht
durchsetzen konnten, sowie alle die unterdrückten Willensentscheidungen, die die Illusion des
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin