Seite - 1092 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 1092 -
Text der Seite - 1092 -
freien Willens ergeben haben[86].
Nachdem wir aber so die manifeste Motivierung der Doppelgängergestalt betrachtet haben,
müssen wir uns sagen: Nichts von alledem macht uns den außerordentlich hohen Grad von
Unheimlichkeit, der ihr anhaftet, verständlich, und aus unserer Kenntnis der pathologischen
Seelenvorgänge dürfen wir hinzusetzen, nichts von diesem Inhalt könnte das Abwehrbestreben
erklären, das ihn als etwas Fremdes aus dem Ich hinausprojiziert. Der Charakter des
Unheimlichen kann doch nur daher rühren, daß der Doppelgänger eine den überwundenen
seelischen Urzeiten angehörige Bildung ist, die damals allerdings einen freundlicheren Sinn hatte.
Der Doppelgänger ist zum Schreckbild geworden, wie die Götter nach dem Sturz ihrer Religion
zu Dämonen werden (Heine, Die Götter im Exil).
Die anderen bei Hoffmann verwendeten Ich-Störungen sind nach dem Muster des
Doppelgängermotivs leicht zu beurteilen. Es handelt sich bei ihnen um ein Rückgreifen auf
einzelne Phasen in der Entwicklungsgeschichte des Ich-Gefühls, um eine Regression in Zeiten,
da das Ich sich noch nicht scharf von der Außenwelt und vom anderen abgegrenzt hatte. Ich
glaube, daß diese Motive den Eindruck des Unheimlichen mitverschulden, wenngleich es nicht
leicht ist, ihren Anteil an diesem Eindruck isoliert herauszugreifen.
Das Moment der Wiederholung des Gleichartigen wird als Quelle des unheimlichen Gefühls
vielleicht nicht bei jedermann Anerkennung finden. Nach meinen Beobachtungen ruft es unter
gewissen Bedingungen und in Kombination mit bestimmten Umständen unzweifelhaft ein
solches Gefühl hervor, das überdies an die Hilflosigkeit mancher Traumzustände mahnt. Als ich
einst an einem heißen Sommernachmittag die mir unbekannten, menschenleeren Straßen einer
italienischen Kleinstadt durchstreifte, geriet ich in eine Gegend, über deren Charakter ich nicht
lange in Zweifel bleiben konnte. Es waren nur geschminkte Frauen an den Fenstern der kleinen
Häuser zu sehen, und ich beeilte mich, die enge Straße durch die nächste Einbiegung zu
verlassen. Aber nachdem ich eine Weile führerlos herumgewandert war, fand ich mich plötzlich
in derselben Straße wieder, in der ich nun Aufsehen zu erregen begann, und meine eilige
Entfernung hatte nur die Folge, daß ich auf einem neuen Umwege zum drittenmal dahingeriet.
Dann aber erfaßte mich ein Gefühl, das ich nur als unheimlich bezeichnen kann, und ich war
froh, als ich unter Verzicht auf weitere Entdeckungsreisen auf die kürzlich von mir verlassene
Piazza zurückfand. Andere Situationen, die die unbeabsichtigte Wiederkehr mit der eben
beschriebenen gemein haben und sich in den anderen Punkten gründlich von ihr unterscheiden,
haben doch dasselbe Gefühl von Hilflosigkeit und Unheimlichkeit zur Folge. Zum Beispiel, wenn
man sich im Hochwald, etwa vom Nebel überrascht, verirrt hat und nun trotz aller Bemühungen,
einen markierten oder bekannten Weg zu finden, wiederholt zu der einen, durch eine bestimmte
Formation gekennzeichneten Stelle zurückkommt. Oder wenn man im unbekannten, dunkeln
Zimmer wandert, um die Tür oder den Lichtschalter aufzusuchen und dabei zum xtenmal mit
demselben Möbelstück zusammenstößt, eine Situation, die Mark Twain allerdings durch groteske
Übertreibung in eine unwiderstehlich komische umgewandelt hat.
An einer anderen Reihe von Erfahrungen erkennen wir auch mühelos, daß es nur das Moment der
unbeabsichtigten Wiederholung ist, welches das sonst Harmlose unheimlich macht und uns die
Idee des Verhängnisvollen, Unentrinnbaren aufdrängt, wo wir sonst nur von »Zufall« gesprochen
hätten. So ist es z. B. gewiß ein gleichgültiges Erlebnis, wenn man für seine in einer Garderobe
abgegebenen Kleider einen Schein mit einer gewissen Zahl – sagen wir: 62 – erhält oder wenn
man findet, daß die zugewiesene Schiffskabine diese Nummer trägt. Aber dieser Eindruck ändert
1092
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin