Seite - 1094 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 1094 -
Text der Seite - 1094 -
nicht überrascht, regelmäßig der Person zu begegnen, an die sie eben – vielleicht nach langer
Pause – gedacht hatten; sie pflegten regelmäßig am Morgen einen Brief von einem Freund zu
bekommen, wenn sie am Abend vorher geäußert hatten: Von dem hat man aber jetzt lange nichts
gehört, und besonders Unglücks- oder Todesfälle ereigneten sich nur selten, ohne eine Weile
vorher durch ihre Gedanken gehuscht zu sein. Sie pflegten diesem Sachverhalt in der
bescheidensten Weise Ausdruck zu geben, indem sie behaupteten, »Ahnungen« zu haben, die
»meistens« eintreffen.
Eine der unheimlichsten und verbreitetsten Formen des Aberglaubens ist die Angst vor dem
»bösen Blick«, welcher bei dem Hamburger Augenarzt S. Seligmann[89] eine gründliche
Behandlung gefunden hat. Die Quelle, aus welcher diese Angst schöpft, scheint niemals verkannt
worden zu sein. Wer etwas Kostbares und doch Hinfälliges besitzt, fürchtet sich vor dem Neid
der anderen, indem er jenen Neid auf sie projiziert, den er im umgekehrten Falle empfunden
hätte. Solche Regungen verrät man durch den Blick, auch wenn man ihnen den Ausdruck in
Worten versagt, und wenn jemand durch auffällige Kennzeichen, besonders unerwünschter Art,
vor den anderen hervorsticht, traut man ihm zu, daß sein Neid eine besondere Stärke erreichen
und dann auch diese Stärke in Wirkung umsetzen wird. Man fürchtet also eine geheime Absicht
zu schaden, und auf gewisse Anzeichen hin nimmt man an, daß dieser Absicht auch die Kraft zu
Gebote steht.
Die letzterwähnten Beispiele des Unheimlichen hängen von dem Prinzip ab, das ich, der
Anregung eines Patienten folgend, die »Allmacht der Gedanken« benannt habe. Wir können nun
nicht mehr verkennen, auf welchem Boden wir uns befinden. Die Analyse der Fälle des
Unheimlichen hat uns zur alten Weltauffassung des Animismus zurückgeführt, die ausgezeichnet
war durch die Erfüllung der Welt mit Menschengeistern, durch die narzißtische Überschätzung
der eigenen seelischen Vorgänge, die Allmacht der Gedanken und die darauf aufgebaute Technik
der Magie, die Zuteilung von sorgfältig abgestuften Zauberkräften an fremde Personen und Dinge
(Mana), sowie durch alle die Schöpfungen, mit denen sich der uneingeschränkte Narzißmus jener
Entwicklungsperiode gegen den unverkennbaren Einspruch der Realität zur Wehr setzte. Es
scheint, daß wir alle in unserer individuellen Entwicklung eine diesem Animismus der Primitiven
entsprechende Phase durchgemacht haben, daß sie bei keinem von uns abgelaufen ist, ohne noch
äußerungsfähige Reste und Spuren zu hinterlassen, und daß alles, was uns heute als »unheimlich«
erscheint, die Bedingung erfüllt, daß es an diese Reste animistischer Seelentätigkeit rührt und sie
zur Äußerung anregt[90].
Hier ist nun der Platz für zwei Bemerkungen, in denen ich den wesentlichen Inhalt dieser kleinen
Untersuchung niederlegen möchte. Erstens, wenn die psychoanalytische Theorie in der
Behauptung recht hat, daß jeder Affekt einer Gefühlsregung, gleichgültig von welcher Art, durch
die Verdrängung in Angst verwandelt wird, so muß es unter den Fällen des Ängstlichen eine
Gruppe geben, in der sich zeigen läßt, daß dies Ängstliche etwas wiederkehrendes Verdrängtes
ist. Diese Art des Ängstlichen wäre eben das Unheimliche, und dabei muß es gleichgültig sein,
ob es ursprünglich selbst ängstlich war oder von einem anderen Affekt getragen. Zweitens, wenn
dies wirklich die geheime Natur des Unheimlichen ist, so verstehen wir, daß der Sprachgebrauch
das Heimliche in seinen Gegensatz, das Unheimliche übergehen läßt (S. 250
f.), denn dies
Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters
her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozeß der Verdrängung entfremdet worden ist. Die
Beziehung auf die Verdrängung erhellt uns jetzt auch die Schellingsche Definition, das
Unheimliche sei etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist.
1094
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin