Seite - 1095 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Es erübrigt uns nur noch, die Einsicht, die wir gewonnen haben, an der Erklärung einiger anderer
Fälle des Unheimlichen zu erproben.
Im allerhöchsten Grade unheimlich erscheint vielen Menschen, was mit dem Tod, mit Leichen
und mit der Wiederkehr der Toten, mit Geistern und Gespenstern, zusammenhängt. Wir haben ja
gehört, daß manche moderne Sprachen unseren Ausdruck: ein unheimliches Haus gar nicht
anders wiedergeben können als durch die Umschreibung: ein Haus, in dem es spukt. Wir hätten
eigentlich unsere Untersuchung mit diesem, vielleicht stärksten Beispiel von Unheimlichkeit
beginnen können, aber wir taten es nicht, weil hier das Unheimliche zu sehr mit dem
Grauenhaften vermengt und zum Teil von ihm gedeckt ist. Aber auf kaum einem anderen Gebiete
hat sich unser Denken und Fühlen seit den Urzeiten so wenig verändert, ist das Alte unter dünner
Decke so gut erhalten geblieben, wie in unserer Beziehung zum Tode. Zwei Momente geben für
diesen Stillstand gute Auskunft: Die Stärke unserer ursprünglichen Gefühlsreaktionen und die
Unsicherheit unserer wissenschaftlichen Erkenntnis. Unsere Biologie hat es noch nicht
entscheiden können, ob der Tod das notwendige Schicksal jedes Lebewesens oder nur ein
regelmäßiger, vielleicht aber vermeidlicher Zufall innerhalb des Lebens ist. Der Satz: alle
Menschen müssen sterben, paradiert zwar in den Lehrbüchern der Logik als Vorbild einer
allgemeinen Behauptung, aber keinem Menschen leuchtet er ein, und unser Unbewußtes hat jetzt
sowenig Raum wie vormals für die Vorstellung der eigenen Sterblichkeit. Die Religionen
bestreiten noch immer der unableugbaren Tatsache des individuellen Todes ihre Bedeutung und
setzen die Existenz über das Lebensende hinaus fort; die staatlichen Gewalten meinen die
moralische Ordnung unter den Lebenden nicht aufrechterhalten zu können, wenn man auf die
Korrektur des Erdenlebens durch ein besseres Jenseits verzichten soll; auf den Anschlagsäulen
unserer Großstädte werden Vorträge angekündigt, welche Belehrungen spenden wollen, wie man
sich mit den Seelen der Verstorbenen in Verbindung setzen kann, und es ist unleugbar, daß
mehrere der feinsten Köpfe und schärfsten Denker unter den Männern der Wissenschaft, zumal
gegen das Ende ihrer eigenen Lebenszeit, geurteilt haben, daß es an Möglichkeiten für solchen
Verkehr nicht fehle. Da fast alle von uns in diesem Punkt noch so denken wie die Wilden, ist es
auch nicht zu verwundern, daß die primitive Angst vor dem Toten bei uns noch so mächtig ist
und bereitliegt, sich zu äußern, sowie irgend etwas ihr entgegenkommt. Wahrscheinlich hat sie
auch noch den alten Sinn, der Tote sei zum Feind des Überlebenden geworden und beabsichtige,
ihn mit sich zu nehmen, als Genossen seiner neuen Existenz. Eher könnte man bei dieser
Unveränderlichkeit der Einstellung zum Tode fragen, wo die Bedingung der Verdrängung bleibt,
die erfordert wird, damit das Primitive als etwas Unheimliches wiederkehren könne. Aber die
besteht doch auch; offiziell glauben die sogenannten Gebildeten nicht mehr an das
Sichtbarwerden der Verstorbenen als Seelen, haben deren Erscheinung an entlegene und selten
verwirklichte Bedingungen geknüpft, und die ursprünglich höchst zweideutige, ambivalente
Gefühlseinstellung zum Toten ist für die höheren Schichten des Seelenlebens zur eindeutigen der
Pietät abgeschwächt worden[91].
Es bedarf jetzt nur noch weniger Ergänzungen, denn mit dem Animismus, der Magie und
Zauberei, der Allmacht der Gedanken, der Beziehung zum Tode, der unbeabsichtigten
Wiederholung und dem Kastrationskomplex haben wir den Umfang der Momente, die das
Ängstliche zum Unheimlichen machen, so ziemlich erschöpft.
Wir heißen auch einen lebenden Menschen unheimlich, und zwar dann, wenn wir ihm böse
Absichten zutrauen. Aber das reicht nicht hin, wir müssen noch hinzutun, daß diese seine
Absichten, uns zu schaden, sich mit Hilfe besonderer Kräfte verwirklichen werden. Der »
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin