Seite - 1098 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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III
Schon während der Lektüre der vorstehenden Erörterungen werden sich beim Leser Zweifel
geregt haben, denen jetzt gestattet werden soll, sich zu sammeln und laut zu werden.
Es mag zutreffen, daß das Unheimliche das Heimliche-Heimische ist, das eine Verdrängung
erfahren hat und aus ihr wiedergekehrt ist, und daß alles Unheimliche diese Bedingung erfüllt.
Aber mit dieser Stoffwahl scheint das Rätsel des Unheimlichen nicht gelöst. Unser Satz verträgt
offenbar keine Umkehrung. Nicht alles, was an verdrängte Wunschregungen und überwundene
Denkweisen der individuellen Vorzeit und der Völkerurzeit mahnt, ist darum auch unheimlich.
Auch wollen wir es nicht verschweigen, daß sich fast zu jedem Beispiel, welches unseren Satz
erweisen sollte, ein analoges finden läßt, das ihm widerspricht. Die abgehauene Hand z. B. im
Hauffschen Märchen ›Die Geschichte von der abgehauenen Hand‹ wirkt gewiß unheimlich, was
wir auf den Kastrationskomplex zurückgeführt haben. Aber in der Erzählung des Herodot vom
Schatz des Rhampsenit läßt der Meisterdieb, den die Prinzessin bei der Hand festhalten will, ihr
die abgehauene Hand seines Bruders zurück, und andere werden wahrscheinlich ebenso wie ich
urteilen, daß dieser Zug keine unheimliche Wirkung hervorruft. Die prompte Wunscherfüllung
im ›Ring des Polykrates‹ wirkt auf uns sicherlich ebenso unheimlich wie auf den König von
Ägypten selbst. Aber in unseren Märchen wimmelt es von sofortigen Wunscherfüllungen, und
das Unheimliche bleibt dabei aus. Im Märchen von den drei Wünschen läßt sich die Frau durch
den Wohlgeruch einer Bratwurst verleiten zu sagen, daß sie auch so ein Würstchen haben
möchte. Sofort liegt es vor ihr auf dem Teller. Der Mann wünscht im Ärger, daß es der
Vorwitzigen an der Nase hängen möge. Flugs baumelt es an ihrer Nase. Das ist sehr
eindrucksvoll, aber nicht im geringsten unheimlich. Das Märchen stellt sich überhaupt ganz offen
auf den animistischen Standpunkt der Allmacht von Gedanken und Wünschen, und ich wüßte
doch kein echtes Märchen zu nennen, in dem irgendetwas Unheimliches vorkäme. Wir haben
gehört, daß es in hohem Grade unheimlich wirkt, wenn leblose Dinge, Bilder, Puppen, sich
beleben, aber in den Andersenschen Märchen leben die Hausgeräte, die Möbel, der Zinnsoldat,
und nichts ist vielleicht vom Unheimlichen entfernter. Auch die Belebung der schönen Statue des
Pygmalion wird man kaum als unheimlich empfinden.
Scheintod und Wiederbelebung von Toten haben wir als sehr unheimliche Vorstellungen
kennengelernt. Dergleichen ist aber wiederum im Märchen sehr gewöhnlich; wer wagte es
unheimlich zu nennen, wenn z. B. Schneewittchen die Augen wieder aufschlägt? Auch die
Erweckung von Toten in den Wundergeschichten, z. B. des Neuen Testaments, ruft Gefühle
hervor, die nichts mit dem Unheimlichen zu tun haben. Die unbeabsichtigte Wiederkehr des
Gleichen, die uns so unzweifelhafte unheimliche Wirkungen ergeben hat, dient doch in einer
Reihe von Fällen anderen, und zwar sehr verschiedenen Wirkungen. Wir haben schon einen Fall
kennengelernt, in dem sie als Mittel zur Hervorrufung des komischen Gefühls gebraucht wird,
und können Beispiele dieser Art häufen. Andere Male wirkt sie als Verstärkung u.
dgl., ferner:
woher rührt die Unheimlichkeit der Stille, des Alleinseins, der Dunkelheit? Deuten diese
Momente nicht auf die Rolle der Gefahr bei der Entstehung des Unheimlichen, wenngleich es
dieselben Bedingungen sind, unter denen wir die Kinder am häufigsten Angst äußern sehen? Und
können wir wirklich das Moment der intellektuellen Unsicherheit ganz vernachlässigen, da wir
doch seine Bedeutung für das Unheimliche des Todes zugegeben haben?
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin