Seite - 1099 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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So müssen wir wohl bereit sein anzunehmen, daß für das Auftreten des unheimlichen Gefühls
noch andere als die von uns vorangestellten stofflichen Bedingungen maßgebend sind. Man
könnte zwar sagen, mit jener ersten Feststellung sei das psychoanalytische Interesse am Problem
des Unheimlichen erledigt, der Rest erfordere wahrscheinlich eine ästhetische Untersuchung.
Aber damit würden wir dem Zweifel das Tor öffnen, welchen Wert unsere Einsicht in die
Herkunft des Unheimlichen vom verdrängten Heimischen eigentlich beanspruchen darf.
Eine Beobachtung kann uns den Weg zur Lösung dieser Unsicherheiten weisen. Fast alle
Beispiele, die unseren Erwartungen widersprechen, sind dem Bereich der Fiktion, der Dichtung,
entnommen. Wir erhalten so einen Wink, einen Unterschied zu machen zwischen dem
Unheimlichen, das man erlebt, und dem Unheimlichen, das man sich bloß vorstellt oder von dem
man liest.
Das Unheimliche des Erlebens hat weit einfachere Bedingungen, umfaßt aber weniger zahlreiche
Fälle. Ich glaube, es fügt sich ausnahmslos unserem Lösungsversuch, läßt jedesmal die
Zurückführung auf altvertrautes Verdrängtes zu. Doch ist auch hier eine wichtige und
psychologisch bedeutsame Scheidung des Materials vorzunehmen, die wir am besten an
geeigneten Beispielen erkennen werden.
Greifen wir das Unheimliche der Allmacht der Gedanken, der prompten Wunscherfüllung, der
geheimen schädigenden Kräfte, der Wiederkehr der Toten heraus. Die Bedingung, unter der hier
das Gefühl des Unheimlichen entsteht, ist nicht zu verkennen. Wir – oder unsere primitiven
Urahnen – haben dereinst diese Möglichkeiten für Wirklichkeit gehalten, waren von der Realität
dieser Vorgänge überzeugt. Heute glauben wir nicht mehr daran, wir haben diese Denkweisen
überwunden, aber wir fühlen uns dieser neuen Überzeugungen nicht ganz sicher, die alten leben
noch in uns fort und lauern auf Bestätigung. Sowie sich nun etwas in unserem Leben ereignet,
was diesen alten abgelegten Überzeugungen eine Bestätigung zuzuführen scheint, haben wir das
Gefühl des Unheimlichen, zu dem man das Urteil ergänzen kann: Also ist es doch wahr, daß man
einen anderen durch den bloßen Wunsch töten kann, daß die Toten weiterleben und an der Stätte
ihrer früheren Tätigkeit sichtbar werden u.
dgl.! Wer im Gegenteil diese animistischen
Überzeugungen bei sich gründlich und endgültig erledigt hat, für den entfällt das Unheimliche
dieser Art. Das merkwürdigste Zusammentreffen von Wunsch und Erfüllung, die rätselhafteste
Wiederholung ähnlicher Erlebnisse an demselben Ort oder zum gleichen Datum, die
täuschendsten Gesichtswahrnehmungen und verdächtigsten Geräusche werden ihn nicht
irremachen, keine Angst in ihm erwecken, die man als Angst vor dem »Unheimlichen«
bezeichnen kann. Es handelt sich hier also rein um eine Angelegenheit der Realitätsprüfung, um
eine Frage der materiellen Realität[92].
Anders verhält es sich mit dem Unheimlichen, das von verdrängten infantilen Komplexen
ausgeht, vom Kastrationskomplex, der Mutterleibsphantasie usw., nur daß reale Erlebnisse,
welche diese Art von Unheimlichem erwecken, nicht sehr häufig sein können. Das Unheimliche
des Erlebens gehört zumeist der früheren Gruppe an, für die Theorie ist aber die Unterscheidung
der beiden sehr bedeutsam. Beim Unheimlichen aus infantilen Komplexen kommt die Frage der
materiellen Realität gar nicht in Betracht, die psychische Realität tritt an deren Stelle. Es handelt
sich um wirkliche Verdrängung eines Inhalts und um die Wiederkehr des Verdrängten, nicht um
die Aufhebung des Glaubens an die Realität dieses Inhalts. Man könnte sagen, in dem einen Falle
sei ein gewisser Vorstellungsinhalt, im anderen der Glaube an seine (materielle) Realität
verdrängt. Aber die letztere Ausdrucksweise dehnt wahrscheinlich den Gebrauch des Terminus
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin