Seite - 1104 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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In meiner Schrift über den Witz und seine Beziehung zum Unbewußten (1905 c) habe ich den
Humor eigentlich nur vom ökonomischen Gesichtspunkt behandelt. Es lag mir daran, die Quelle
der Lust am Humor zu finden, und ich meine, ich habe gezeigt, daß der humoristische
Lustgewinn aus erspartem Gefühlsaufwand hervorgeht.
Der humoristische Vorgang kann sich in zweierlei Weisen vollziehen, entweder an einer einzigen
Person, die selbst die humoristische Einstellung einnimmt, während der zweiten Person die Rolle
des Zuschauers und Nutznießers zufällt, oder zwischen zwei Personen, von denen die eine am
humoristischen Vorgang gar keinen Anteil hat, die zweite aber diese Person zum Objekt ihrer
humoristischen Betrachtung macht. Wenn, um beim gröbsten Beispiel zu verweilen, der
Delinquent, der am Montag zum Galgen geführt wird, die Äußerung tut: »Na, die Woche fängt
gut an«, so entwickelt er selbst den Humor, der humoristische Vorgang vollendet sich an seiner
Person und trägt ihm offenbar eine gewisse Genugtuung ein. Mich, den unbeteiligten Zuhörer,
trifft gewissermaßen eine Fernwirkung der humoristischen Leistung des Verbrechers; ich
verspüre, vielleicht ähnlich wie er, den humoristischen Lustgewinn.
Der zweite Fall liegt vor, wenn z.
B. ein Dichter oder Schilderer das Gehaben von realen oder
erfundenen Personen in humoristischer Weise beschreibt. Diese Personen brauchen selbst keinen
Humor zu zeigen, die humoristische Einstellung ist allein Sache dessen, der sie zum Objekt
nimmt, und der Leser oder Zuhörer wird wiederum wie im vorigen Falle des Genusses am Humor
teilhaftig. Zusammenfassend kann man also sagen, man kann die humoristische Einstellung –
worin immer diese bestehen mag – gegen die eigene oder gegen fremde Personen wenden; es ist
anzunehmen, daß sie dem, der es tut, einen Lustgewinn bringt; ein ähnlicher Lustgewinn fällt
dem – unbeteiligten – Zuhörer zu.
Die Genese des humoristischen Lustgewinns erfassen wir am besten, wenn wir uns dem Vorgang
beim Zuhörer zuwenden, vor dem ein anderer Humor entwickelt. Er sieht diesen anderen in einer
Situation, die es erwarten läßt, daß er die Anzeichen eines Affekts produzieren wird; er wird sich
ärgern, klagen, Schmerz äußern, sich schrecken, grausen, vielleicht selbst verzweifeln, und der
Zuschauer-Zuhörer ist bereit, ihm darin zu folgen, die gleichen Gefühlsregungen bei sich
entstehen zu lassen. Aber diese Gefühlsbereitschaft wird enttäuscht, der andere äußert keinen
Affekt, sondern macht einen Scherz; aus dem ersparten Gefühlsaufwand wird nun beim Zuhörer
die humoristische Lust.
So weit kommt man leicht, aber man sagt sich auch bald, daß es der Vorgang beim anderen, beim
»Humoristen« ist, der die größere Aufmerksamkeit verdient. Kein Zweifel, das Wesen des
Humors besteht darin, daß man sich die Affekte erspart, zu denen die Situation Anlaß gäbe, und
sich mit einem Scherz über die Möglichkeit solcher Gefühlsäußerungen hinaussetzt. Insofern
muß der Vorgang beim Humoristen mit dem beim Zuhörer übereinstimmen, richtiger gesagt, der
Vorgang beim Zuhörer muß den beim Humoristen kopiert haben. Aber wie bringt der Humorist
jene psychische Einstellung zustande, die ihm die Affektentbindung überflüssig macht, was geht
bei »der humoristischen Einstellung« dynamisch in ihm vor? Offenbar ist die Lösung des
Problems beim Humoristen zu suchen, beim Zuhörer ist nur ein Nachklang, eine Kopie dieses
unbekannten Prozesses anzunehmen.
Es ist Zeit, daß wir uns mit einigen Charakteren des Humors vertraut machen. Der Humor hat
nicht nur etwas Befreiendes wie der Witz und die Komik, sondern auch etwas Großartiges und
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin