Seite - 1113 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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kennen das berühmte Klagelied der spanischen Mauren › Ay de mi Alhama‹, das erzählt, wie der
König Boabdil die Nachricht vom Fall seiner Stadt Alhama aufnimmt. Er ahnt, daß dieser Verlust
das Ende seiner Herrschaft bedeutet. Aber er will es nicht »wahr haben«, er beschließt, die
Nachricht als » non arrivé« zu behandeln. Die Strophe lautet:
Cartas le fueron venidas
que Alhama era ganada:
las cartas echo en el fuego
y al mensajero matara.
Man errät leicht, daß an diesem Benehmen des Königs das Bedürfnis mitbeteiligt ist, dem Gefühl
seiner Ohnmacht zu widerstreiten. Indem er die Briefe verbrennt und den Boten töten läßt, sucht
er noch seine Machtvollkommenheit zu demonstrieren.
Der andere allgemeine Charakter der Entfremdungen, ihre Abhängigkeit von der Vergangenheit,
von dem Erinnerungsschatz des Ichs und früheren peinlichen Erlebnissen, die vielleicht seither
der Verdrängung anheimgefallen sind, wird ihnen nicht ohne Einspruch zugestanden. Aber grade
mein Erlebnis auf der Akropolis, das ja in eine Erinnerungsstörung, eine Verfälschung der
Vergangenheit ausgeht, hilft uns dazu, diesen Einfluß aufzuzeigen. Es ist nicht wahr, daß ich in
den Gymnasialjahren je an der realen Existenz von Athen gezweifelt habe. Ich habe nur daran
gezweifelt, daß ich Athen je werde sehen können. So weit zu reisen, es »so weit zu bringen«,
erschien mir als außerhalb jeder Möglichkeit. Das hing mit der Enge und Armseligkeit unserer
Lebensverhältnisse in meiner Jugend zusammen. Die Sehnsucht zu reisen war gewiß auch ein
Ausdruck des Wunsches, jenem Druck zu entkommen, verwandt dem Drang, der so viel
halbwüchsige Kinder dazu antreibt, vom Hause durchzugehen. Es war mir längst klar geworden,
daß ein großes Stück der Lust am Reisen in der Erfüllung dieser frühen Wünsche besteht, also in
der Unzufriedenheit mit Haus und Familie wurzelt. Wenn man zuerst das Meer sieht, den Ozean
überquert, Städte und Länder als Wirklichkeiten erlebt, die so lange ferne, unerreichbare
Wunschdinge waren, so fühlt man sich wie ein Held, der unwahrscheinlich große Taten
vollbracht hat. Ich hätte damals auf der Akropolis meinen Bruder fragen können: Weißt Du noch,
wie wir in unserer Jugend Tag für Tag denselben Weg gegangen sind, von der …straße ins
Gymnasium, am Sonntage dann jedesmal in den Prater oder auf eine der Landpartien, die wir
schon so gut kannten, und jetzt sind wir in Athen und stehen auf der Akropolis! Wir haben es
wirklich weit gebracht! Und wenn man so Kleines mit Größerem vergleichen darf, hat nicht der
erste Napoleon während der Kaiserkrönung in Notre-Dame sich zu einem seiner Brüder
gewendet – es wird wohl der älteste, Josef, gewesen sein – und bemerkt: »Was würde Monsieur
notre Père dazu sagen, wenn er jetzt dabei sein könnte?«
Hier stoßen wir aber auf die Lösung des kleinen Problems, warum wir uns schon in Triest das
Vergnügen an der Reise nach Athen verstört hatten. Es muß so sein, daß sich an die
Befriedigung, es so weit gebracht zu haben, ein Schuldgefühl knüpft; es ist etwas dabei, was
unrecht, was von alters her verboten ist. Das hat mit der kindlichen Kritik am Vater zu tun, mit
der Geringschätzung, welche die frühkindliche Überschätzung seiner Person abgelöst hatte. Es
sieht aus, als wäre es das Wesentliche am Erfolg, es weiter zu bringen als der Vater, und als wäre
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin