Seite - 1120 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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die kranke Frau dem Arzte nur den Arm durch ein Loch in der Mauer zeigen darf?
Es ist nicht richtig, daß das Examen und die Mitwisserschaft in sexuellen Dingen dem Arzt eine
gefährliche Machtfülle gegen seine Patienten verschafft. Derselbe Einwand konnte sich mit mehr
Berechtigung seinerzeit gegen die Anwendung der Narkose richten, durch welche der Kranke
seines Bewußtseins und seiner Willensbestimmung beraubt und es in die Hand des Arztes gelegt
wird, ob und wann er sie wiedererlangen soll. Doch ist uns heute die Narkose unentbehrlich
geworden, weil sie dem ärztlichen Bestreben zu helfen dienlich ist wie nichts anderes, und der
Arzt hat die Verantwortlichkeit für die Narkose unter seine anderen ernsten Verpflichtungen
aufgenommen.
Der Arzt kann in allen Fällen Schaden stiften, wenn er ungeschickt oder gewissenlos ist, in
anderen Fällen nicht mehr und nicht minder als bei der Forschung nach dem Sexualleben seiner
Patienten. Freilich, wer in einem schätzenswerten Ansatze zur Selbsterkenntnis sich nicht das
Taktgefühl, den Ernst und die Verschwiegenheit zutraut, deren er für das Examen der Neurotiker
bedarf, wer von sich weiß, daß Enthüllungen aus dem Sexualleben lüsternen Kitzel anstatt
wissenschaftlichen Interesses bei ihm hervorrufen werden, der tut recht daran, dem Thema der
Ätiologie der Neurosen fernzubleiben. Wir verlangen nur noch, daß er sich auch von der
Behandlung der Nervösen fernhalte.
Es ist auch nicht richtig, daß die Kranken einer Erforschung ihres Sexuallebens unüberwindliche
Hindernisse entgegensetzen. Erwachsene pflegen sich nach kurzem Zögern mit den Worten
zurechtzurücken: Ich bin doch beim Arzte, dem darf man alles sagen. Zahlreiche Frauen, die an
der Aufgabe, ihre sexuellen Gefühle zu verbergen, schwer genug durchs Leben zu tragen haben,
finden sich erleichtert, wenn sie beim Arzte merken, daß hier keine andere Rücksicht über die
ihrer Heilung gesetzt ist, und danken es ihm, daß sie sich auch einmal in sexuellen Dingen rein
menschlich gebärden dürfen. Eine dunkle Kenntnis der vorwaltenden Bedeutung sexueller
Momente für die Entstehung der Nervosität, wie ich sie für die Wissenschaft neu zu gewinnen
suche, scheint im Bewußtsein der Laien überhaupt nie untergegangen zu sein. Wie oft erlebt man
Szenen wie die folgende: Man hat ein Ehepaar vor sich, von dem ein Teil an Neurose leidet.
Nach vielen Einleitungen und Entschuldigungen, daß es für den Arzt, der in solchen Fällen helfen
will, konventionelle Schranken nicht geben darf u. dgl., teilt man den beiden mit, man vermute,
der Grund der Krankheit liege in der unnatürlichen und schädlichen Art des sexuellen Verkehrs,
die sie seit der letzten Entbindung der Frau gewählt haben dürften. Die Ärzte pflegen sich um
diese Verhältnisse in der Regel nicht zu kümmern, allein das sei nur verwerflich, wenn auch die
Kranken nicht gerne davon hören usw. Dann stößt der eine Teil den andern an und sagt: Siehst
du, ich habe es dir gleich gesagt, das wird mich krank machen. Und der andere antwortet: Ich
hab’ mir’s ja auch gedacht, aber was soll man tun?
Unter gewissen anderen Umständen, etwa bei jungen Mädchen, die ja systematisch zur
Verhehlung ihres Sexuallebens erzogen werden, wird man sich mit einem recht bescheidenen
Maße von aufrichtigem Entgegenkommen begnügen müssen. Es fällt aber hier ins Gewicht, daß
der kundige Arzt seinen Kranken nicht unvorbereitet entgegentritt und in der Regel nicht
Aufklärung, sondern bloß Bestätigung seiner Vermutungen von ihnen zu fordern hat. Wer
meinen Anweisungen folgen will, wie man sich die Morphologie der Neurosen zurechtzulegen
und ins Ätiologische zu übersetzen hat, dem brauchen die Kranken nur wenig Geständnisse mehr
zu machen. In der nur allzu bereitwillig gegebenen Schilderung ihrer Krankheitssymptome haben
sie ihm meist die Kenntnis der dahinter verborgenen sexuellen Faktoren mitverraten.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin