Seite - 1122 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 1122 -
Text der Seite - 1122 -
aktueller Art, bei den Psychoneurosen Momente infantiler Natur; dies ist der erste große
Gegensatz in der Ätiologie der Neurosen. Ein zweiter ergibt sich, wenn man einem Unterschiede
in der Symptomatik der Neurasthenie selbst Rechnung trägt. Hier finden sich einerseits Fälle, in
denen sich gewisse für die Neurasthenie charakteristische Beschwerden in den Vordergrund
drängen: der Kopfdruck, die Ermüdbarkeit, die Dyspepsie, die Stuhlverstopfung, die
Spinalirritation usf. In anderen Fällen treten diese Zeichen zurück, und das Krankheitsbild setzt
sich aus anderen Symptomen zusammen, die sämtlich eine Beziehung zum Kernsymptom, der
»Angst«, erkennen lassen (freie Ängstlichkeit, Unruhe, Erwartungsangst, komplette, rudimentäre
und supplementäre Angstanfälle, lokomotorischer Schwindel, Agoraphobie, Schlaflosigkeit,
Schmerzsteigerung usw.). Ich habe dem ersten Typus von Neurasthenie seinen Namen belassen,
den zweiten aber als »Angstneurose« ausgezeichnet und diese Scheidung an anderem Orte
begründet, woselbst auch der Tatsache des in der Regel gemeinsamen Vorkommens beider
Neurosen Rechnung getragen wird. Für unsere Zwecke genügt die Hervorhebung, daß der
symptomatischen Verschiedenheit beider Formen ein Unterschied der Ätiologie parallelgeht. Die
Neurasthenie läßt sich jedesmal auf einen Zustand des Nervensystems zurückführen, wie er durch
exzessive Masturbation erworben wird oder durch gehäufte Pollutionen spontan entsteht; bei der
Angstneurose findet man regelmäßig sexuelle Einflüsse, denen das Moment der Zurückhaltung
oder der unvollkommenen Befriedigung gemeinsam ist, wie: coitus interruptus, Abstinenz bei
lebhafter Libido, sogenannte frustrane Erregung u. dgl. In dem kleinen Aufsatze, welcher die
Angstneurose einzuführen bemüht war, habe ich die Formel ausgesprochen, die Angst sei
überhaupt eine von ihrer Verwendung abgelenkte Libido.
Wo in einem Falle Symptome der Neurasthenie und der Angstneurose vereinigt sind, also ein
Mischfall vorliegt, da hält man sich an den empirisch gefundenen Satz, daß einer Vermengung
von Neurosen ein Zusammenwirken von mehreren ätiologischen Momenten entspricht, und wird
seine Erwartung jedesmal bestätigt finden. Wie oft diese ätiologischen Momente durch den
Zusammenhang der sexuellen Vorgänge organisch miteinander verknüpft sind, z.
B. coitus
interruptus oder ungenügende Potenz des Mannes mit der Masturbation, dies wäre einer
Ausführung im einzelnen wohl würdig.
Wenn man den vorliegenden Fall von neurasthenischer Neurose sicher diagnostiziert und dessen
Symptome richtig gruppiert hat, so darf man sich die Symptomatik in Ätiologie übersetzen und
dann von den Kranken dreist die Bekräftigung seiner Vermutungen verlangen. Anfänglicher
Widerspruch darf einen nicht irremachen; man besteht fest auf dem, was man erschlossen hat,
und besiegt endlich jeden Widerstand dadurch, daß man die Unerschütterlichkeit seiner
Überzeugung betont. Man erfährt dabei allerlei aus dem Sexualleben der Menschen, womit sich
ein nützliches und lehrreiches Buch füllen ließe, lernt es auch nach jeder Richtung hin bedauern,
daß die Sexualwissenschaft heutzutage noch als unehrlich gilt. Da kleinere Abweichungen von
einer normalen vita sexualis viel zu häufig sind, als daß man ihrer Auffindung Wert beilegen
dürfte, wird man bei seinen neurotisch Kranken nur schwere und lange Zeit fortgesetzte
Abnormität des Sexuallebens als Aufklärung gelten lassen; daß man aber durch sein Drängen
einen Kranken, der psychisch normal ist, veranlassen könnte, sich selbst fälschlich sexueller
Vergehen zu bezichtigen, das darf man getrost als eine imaginäre Gefahr vernachlässigen.
Verfährt man in dieser Weise mit seinen Kranken, so erwirbt man sich auch die Überzeugung,
daß es für die Lehre von der sexuellen Ätiologie der Neurasthenie negative Fälle nicht gibt. Bei
mir wenigstens ist diese Überzeugung so sicher geworden, daß ich auch den negativen Ausfall
des Examens diagnostisch verwertet habe, nämlich um mir zu sagen, daß solche Fälle keine
1122
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin