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ändern. Auch dürfen wir nicht vergessen, daß wir gerade in der Ätiologie der Neurasthenien der
Heredität den ersten Rang notwendig versagen müssen. Die Neurasthenie (in beiden Formen)
gehört zu den Affektionen, die jeder erblich Unbelastete bequem erwerben kann. Wäre es anders,
so wäre ja die riesige Zunahme der Neurasthenie undenkbar, über welche alle Autoren klagen.
Was die Zivilisation betrifft, zu deren Sündenregister man oft die Verursachung der Neurasthenie
zu schreiben pflegt, so mögen auch hierin die Autoren recht haben (wiewohl wahrscheinlich auf
ganz anderen Wegen, als sie vermeinen); aber der Zustand unserer Zivilisation ist gleichfalls für
den einzelnen etwas Unabänderliches; übrigens erklärt dieses Moment bei seiner
Allgemeingültigkeit für die Mitglieder derselben Gesellschaft niemals die Tatsache der Auswahl
bei der Erkrankung. Der nicht neurasthenische Arzt steht ja unter demselben Einflüsse der
angeblich unheilvollen Zivilisation wie der neurasthenische Kranke, den er behandeln soll. – Die
Bedeutung erschöpfender Einflüsse bleibt mit der oben gegebenen Einschränkung bestehen. Aber
mit dem Momente der »Überarbeitung«, das die Ärzte so gerne ihren Patienten als Ursache ihrer
Neurose gelten lassen, wird übermäßig viel Mißbrauch getrieben. Es ist ganz richtig, daß jeder,
der sich durch sexuelle Schädlichkeiten zur Neurasthenie disponiert hat, die intellektuelle Arbeit
und die psychischen Mühen des Lebens schlecht verträgt, aber niemals wird jemand durch Arbeit
oder durch Aufregung allein neurotisch. Geistige Arbeit ist eher ein Schutzmittel gegen
neurasthenische Erkrankung; gerade die ausdauerndsten intellektuellen Arbeiter bleiben von der
Neurasthenie verschont, und was die Neurastheniker als »krank machende Überarbeitung«
anklagen, das verdient in der Regel weder der Qualität noch dem Ausmaße nach als »geistige
Arbeit« anerkannt zu werden. Die Ärzte werden sich wohl gewöhnen müssen, dem Beamten, der
sich in seinem Bureau »überangestrengt«, oder der Hausfrau, der ihr Hauswesen zu schwer
geworden ist, die Aufklärung zu geben, daß sie nicht erkrankt sind, weil sie versucht haben, ihre
für ein zivilisiertes Gehirn eigentlich leichten Pflichten zu erfüllen, sondern weil sie
währenddessen ihr Sexualleben gröblich vernachlässigt und verdorben haben.
Nur die sexuelle Ätiologie ermöglicht uns ferner das Verständnis aller Einzelheiten der
Krankengeschichten bei Neurasthenikern, der rätselhaften Besserungen mitten im
Krankheitsverlaufe und der ebenso unbegreiflichen Verschlimmerungen, die von Ärzten und
Kranken dann gewöhnlich mit der eingeschlagenen Therapie in Beziehung gebracht werden. In
meiner mehr als zweihundert Fälle umfassenden Sammlung ist z.
B. die Geschichte eines Mannes
verzeichnet, der, nachdem ihm die hausärztliche Behandlung nichts genützt hatte, zu Pfarrer
Kneipp ging und von dieser Kur an ein Jahr von außerordentlicher Besserung mitten in seinen
Leiden zu verzeichnen hatte. Als aber ein Jahr später die Beschwerden sich wieder verstärkten
und er neuerdings Hilfe in Wörishofen suchte, blieb der Erfolg dieser zweiten Kur aus. Ein Blick
in die Familienchronik dieses Patienten löst das zweifache Rätsel auf: sechseinhalb Monate nach
der ersten Rückkehr aus Wörishofen wurde dem Kranken von seiner Frau ein Kind geboren; er
hatte sie also zu Beginn einer noch unerkannten Gravidität verlassen und durfte nach seiner
Wiederkunft natürlichen Verkehr mit ihr pflegen. Als nach Ablauf dieser für ihn heilsamen Zeit
seine Neurose durch neuerlichen coitus interruptus wieder angefacht war, mußte sich die zweite
Kur erfolglos erweisen, da jene oben erwähnte Gravidität die letzte blieb.
Ein ähnlicher Fall, in dem gleichfalls eine unerwartete Einwirkung der Therapie zu erklären war,
gestaltete sich noch lehrreicher, indem er eine rätselhafte Abwechslung in den Symptomen der
Neurose enthielt. Ein jugendlicher Nervöser war von seinem Arzte in eine wohlgeleitete
Wasserheilanstalt wegen typischer Neurasthenie geschickt worden. Dort besserte sich sein
Zustand anfänglich immer mehr, so daß alle Aussicht vorhanden war, den Patienten als
dankbaren Anhänger der Hydrotherapie zu entlassen. Da trat in der sechsten Woche ein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin