Seite - 1125 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Umschlag ein; der Kranke »vertrug das Wasser nicht mehr«, wurde immer nervöser und verließ
endlich nach zwei weiteren Wochen ungeheilt und unzufrieden die Anstalt. Als er sich bei mir
über diesen Trug der Therapie beklagte, erkundigte ich mich ein wenig nach den Symptomen, die
ihn mitten in der Kur befallen hatten. Merkwürdigerweise hatte sich darin ein Wandel vollzogen.
Er war mit Kopfdruck, Müdigkeit und Dyspepsie in die Anstalt gegangen; was ihn in der
Behandlung gestört hatte, waren: Aufgeregtheit, Anfälle von Beklemmung, Schwindel im Gehen
und Schlafstörung gewesen. Nun konnte ich dem Kranken sagen: »Sie tun der Hydrotherapie
unrecht. Sie sind, wie Sie selbst sehr wohl gewußt haben, infolge von lange fortgesetzter
Masturbation erkrankt. In der Anstalt haben Sie diese Art der Befriedigung aufgegeben und sich
darum rasch erholt. Als Sie sich aber wohl fühlten, haben Sie unklugerweise Beziehungen zu
einer Dame, nehmen wir an, einer Mitpatientin, gesucht, die nur zur Aufregung ohne normale
Befriedigung führen konnten. Die schönen Spaziergänge in der Nähe der Anstalt gaben Ihnen
gute Gelegenheit dazu. An diesem Verhältnisse sind Sie von neuem erkrankt, nicht an einer
plötzlich aufgetretenen Intoleranz gegen die Hydrotherapie. Aus Ihrem gegenwärtigen Befinden
schließe ich übrigens, daß Sie dasselbe Verhältnis auch in der Stadt fortsetzen.« Ich kann
versichern, daß der Kranke mich dann Punkt für Punkt bestätigt hat.
Die gegenwärtige Therapie der Neurasthenie, wie sie wohl am günstigsten in den
Wasserheilanstalten geübt wird, setzt sich das Ziel, die Besserung des nervösen Zustandes durch
zwei Momente: Schonung und Stärkung des Patienten zu erreichen. Ich wüßte nichts anderes
gegen diese Therapie vorzubringen, als daß sie den sexuellen Bedingungen des Falles keine
Rechnung trägt. Nach meiner Erfahrung ist es höchst wünschenswert, daß die ärztlichen Leiter
solcher Anstalten sich genügend klarmachen, daß sie es nicht mit Opfern der Zivilisation oder der
Heredität, sondern – sit venia verbo – mit Sexualitätskrüppeln zu tun haben. Sie würden sich
dann einerseits ihre Erfolge wie ihre Mißerfolge leichter erklären, anderseits aber neue Erfolge
erzielen, die bis jetzt dem Zufalle oder dem unbeeinflußten Verhalten des Kranken
anheimgegeben sind. Wenn man eine ängstlich-neurasthenische Frau von ihrem Hause weg in die
Wasserheilanstalt schickt, sie dort, aller Pflichten ledig, baden, turnen und sich reichlich ernähren
läßt, so wird man gewiß geneigt sein, die oft glänzende Besserung, die so in einigen Wochen oder
Monaten erreicht wird, auf Rechnung der Ruhe, welche die Kranke genossen hat, und der
Stärkung, die ihr die Hydrotherapie gebracht hat, zu setzen. Das mag so sein; man übersieht aber
dabei, daß mit der Entfernung vom Hause für die Patientin auch eine Unterbrechung des
ehelichen Verkehrs gegeben ist und daß erst diese zeitweilige Ausschaltung der krank machenden
Ursache ihr die Möglichkeit gibt, sich bei zweckmäßiger Therapie zu erholen. Die
Vernachlässigung dieses ätiologischen Gesichtspunktes rächt sich nachträglich, indem der
scheinbar so befriedigende Heilerfolg sich als sehr flüchtig erweist. Kurze Zeit nachdem der
Patient in seine Lebensverhältnisse zurückgekehrt ist, stellen sich die Symptome des Leidens
wieder ein und nötigen ihn, entweder immer von Zeit zu Zeit einen Teil seiner Existenz
unproduktiv in solchen Anstalten zu verbringen, oder veranlassen ihn, seine Hoffnungen auf
Heilung anderswohin zu richten. Es ist also klar, daß die therapeutischen Aufgaben bei der
Neurasthenie nicht in den Wasserheilanstalten, sondern innerhalb der Lebensverhältnisse der
Kranken in Angriff zu nehmen sind.
Bei anderen Fällen kann unsere ätiologische Lehre dem Anstaltsarzte Aufklärung über die Quelle
von Mißerfolgen geben, die sich noch in der Anstalt selbst ereignen, und ihm nahelegen, wie
solche zu vermeiden sind. Die Masturbation ist bei erwachsenen Mädchen und reifen Männern
weit häufiger, als man anzunehmen pflegt, und wirkt als Schädlichkeit nicht nur durch die
Erzeugung der neurasthenischen Symptome, sondern auch, indem sie die Kranken unter dem
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin