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bezeigt sich auch darin, daß die ersteren eine andere praktische Würdigung und besondere
therapeutische Maßnahmen erfordern. Die Psychoneurosen treten unter zweierlei Bedingungen
auf, entweder selbständig oder im Gefolge der Aktualneurosen (Neurasthenie und Angstneurose).
Im letzteren Falle hat man es mit einem neuen, übrigens sehr häufigen Typus von gemischten
Neurosen zu tun. Die Ätiologie der Aktualneurose ist zur Hilfsätiologie der Psychoneurose
geworden; es ergibt sich ein Krankheitsbild, in dem etwa die Angstneurose vorherrscht, das aber
sonst Züge der echten Neurasthenie, der Hysterie und der Zwangsneurose enthält. Man tut nicht
gut, angesichts einer solchen Vermengung etwa auf eine Sonderung der einzelnen neurotischen
Krankheitsbilder zu verzichten, da es doch nicht schwer ist, sich den Fall in folgender Weise
zurechtzulegen: Wie die vorwiegende Ausbildung der Angstneurose beweist, ist hier die
Erkrankung unter dem ätiologischen Einfluß einer aktuellen sexuellen Schädlichkeit entstanden.
Das betreffende Individuum war aber außerdem zu einer oder mehreren Psychoneurosen durch
eine besondere Ätiologie disponiert und wäre irgend einmal spontan oder bei Hinzutritt eines
andern schwächenden Moments an Psychoneurose erkrankt. Nun ist die noch fehlende
Hilfsätiologie für die Psychoneurose durch die aktuelle Ätiologie der Angstneurose hinzugefügt
worden.
Für solche Fälle hat sich mit Recht die therapeutische Übung eingebürgert, von der
psychoneurotischen Komponente im Krankheitsbilde abzusehen und ausschließlich die
Aktualneurose zu behandeln. Es gelingt in sehr vielen Fällen, auch der mitgerissenen Neurose
Herr zu werden, wenn man der Neurasthenie zweckmäßig entgegentritt. Eine andere Beurteilung
erfordern aber jene Fälle von Psychoneurose, die, sei es spontan auftreten oder nach dem Ablaufe
einer aus Neurasthenie und Psychoneurose gemengten Erkrankung als selbständig übrigbleiben.
Wenn ich von »spontanem« Auftreten einer Psychoneurose gesprochen habe, so meine ich damit
nicht etwa, daß man bei anamnestischer Nachforschung jedes ätiologische Moment vermißt. Dies
kann wohl der Fall sein, man kann aber auch auf ein indifferentes Moment, eine
Gemütsbewegung, Schwächung durch somatische Erkrankung u.
dgl., hingewiesen werden. Doch
muß man für alle diese Fälle festhalten, daß die eigentliche Ätiologie der Psychoneurosen nicht in
diesen Veranlassungen liegt, sondern der gewöhnlichen Weise anamnestischer Erhebung
unfaßbar bleibt.
Wie bekannt, ist es diese Lücke, welche man versucht hat, durch die Annahme einer besonderen
neuropathischen Disposition auszufüllen, deren Existenz einer Therapie solcher
Krankheitszustände freilich nicht viel Aussicht auf Erfolg übrigließe. Die neuropathische
Disposition selbst wird als Zeichen einer allgemeinen Degeneration aufgefaßt, und somit gelangt
dieses bequeme Kunstwort zu einer überreichlichen Verwendung gegen die armen Kranken,
denen zu helfen die Ärzte recht ohnmächtig sind. Zum Glück steht es anders. Die neuropathische
Disposition existiert wohl, aber ich muß bestreiten, daß sie zur Erzeugung der Psychoneurose
hinreicht. Ich muß ferner bestreiten, daß das Zusammentreffen von neuropathischer Disposition
und veranlassenden Ursachen des späteren Lebens eine ausreichende Ätiologie der
Psychoneurosen darstellt. Man ist in der Zurückführung der Krankheitsschicksale des einzelnen
auf die Erlebnisse seiner Ahnen zu weit gegangen und hat daran vergessen, daß zwischen der
Empfängnis und der Reife des Individuums ein langer und bedeutsamer Lebensabschnitt liegt, die
Kindheit, in welcher die Keime zu späterer Erkrankung erworben werden können. So ist es
tatsächlich bei der Psychoneurose. Ihre wirkliche Ätiologie ist zu finden in Erlebnissen der
Kindheit, und zwar wiederum – und ausschließlich – in Eindrücken, die das sexuelle Leben
betreffen. Man tut unrecht daran, das Sexualleben der Kinder völlig zu vernachlässigen; sie sind,
soviel ich erfahren habe, aller psychischen und vieler somatischen Sexualleistungen fähig.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin