Seite - 1129 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Sowenig die äußeren Genitalien und die beiden Keimdrüsen den ganzen Geschlechtsapparat des
Menschen darstellen, ebensowenig beginnt sein Geschlechtsleben erst mit der Pubertät, wie es
der groben Beobachtung erscheinen mag. Es ist aber richtig, daß die Organisation und
Entwicklung der Spezies Mensch eine ausgiebigere sexuelle Betätigung im Kindesalter zu
vermeiden strebt; es scheint, daß die sexuellen Triebkräfte beim Menschen aufgespeichert
werden sollen, um dann bei ihrer Entfesselung zur Zeit der Pubertät großen kulturellen Zwecken
zu dienen. (Wilh. Fließ.) Aus einem derartigen Zusammenhange läßt sich etwa verstehen, warum
sexuelle Erlebnisse des Kindesalters pathogen wirken müssen. Sie entfalten ihre Wirkung aber
nur zum geringsten Maße zur Zeit, da sie vorfallen; weit bedeutsamer ist ihre nachträgliche
Wirkung, die erst in späteren Perioden der Reifung eintreten kann. Diese nachträgliche Wirkung
geht, wie nicht anders möglich, von den psychischen Spuren aus, welche die infantilen
Sexualerlebnisse zurückgelassen haben. In dem Intervall zwischen dem Erleben dieser Eindrücke
und deren Reproduktion (vielmehr dem Erstarken der von ihnen ausgehenden libidinösen
Impulse) hat nicht nur der somatische Sexualapparat, sondern auch der psychische Apparat eine
bedeutsame Ausgestaltung erfahren, und darum erfolgt auf die Einwirkung jener früheren
sexuellen Erlebnisse nun eine abnorme psychische Reaktion, es entstehen psychopathologische
Bildungen.
In diesen Andeutungen konnte ich nur die Hauptmomente anführen, auf welche sich die Theorie
der Psychoneurosen stützt: die Nachträglichkeit, den infantilen Zustand des Geschlechtsapparates
und des Seeleninstrumentes. Um ein wirkliches Verständnis des Entstehungsmechanismus der
Psychoneurosen zu erzielen, brauchte es breiterer Ausführungen; vor allem wäre es
unvermeidlich, gewisse Annahmen über die Zusammensetzung und die Arbeitsweise des
psychischen Apparates, die mir neu scheinen, als glaubwürdig hinzustellen. In einem Buche über
»Traumdeutung«, das ich gegenwärtig vorbereite, werde ich die Gelegenheit finden, jene
Fundamente einer Neurosenpsychologie zu berühren. Der Traum gehört nämlich in dieselbe
Reihe psychopathologischer Bildungen wie die hysterische fixe Idee, die Zwangsvorstellung und
die Wahnidee.
Da die Erscheinungen der Psychoneurosen vermittels der Nachträglichkeit von unbewußten
psychischen Spuren aus entstehen, werden sie der Psychotherapie zugänglich, die allerdings hier
andere Wege einschlagen muß als den bis jetzt einzig begangenen der Suggestion mit oder ohne
Hypnose. Auf der von J. Breuer angegebenen »kathartischen« Methode fußend, habe ich in den
letzten Jahren ein therapeutisches Verfahren nahezu ausgearbeitet, welches ich das »
psychoanalytische« heißen will und dem ich zahlreiche Erfolge verdanke, während ich hoffen
darf, seine Wirksamkeit noch erheblich zu steigern. In den 1895 veröffentlichten Studien über
Hysterie (mit J. Breuer) sind die ersten Mitteilungen über Technik und Tragweite der Methode
gegeben worden. Seither hat sich manches, wie ich behaupten darf, zum Besseren daran geändert.
Während wir damals bescheiden aussagten, daß wir nur die Beseitigung von hysterischen
Symptomen, nicht die Heilung der Hysterie selbst in Angriff nehmen könnten, hat sich mir
seither diese Unterscheidung als inhaltslos herausgestellt, also die Aussicht auf wirkliche Heilung
der Hysterie und Zwangsvorstellungen ergeben. Es hat mich darum recht lebhaft interessiert, in
den Publikationen von Fachgenossen zu lesen: In diesem Falle habe das sinnreiche, von Breuer
und Freud ersonnene Verfahren versagt, oder: Die Methode habe nicht gehalten, was sie zu
versprechen schien. Ich hatte dabei etwa die Empfindungen eines Menschen, der in der Zeitung
seine Todesanzeige findet, sich aber dabei in seinem Besserwissen beruhigt fühlen darf. Das
Verfahren ist nämlich so schwierig, daß es durchaus erlernt werden muß; und ich kann mich nicht
besinnen, daß es einer meiner Kritiker von mir hätte erlernen wollen, glaube auch nicht, daß sie
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin