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I Die sexuellen Abirrungen[0]
Die Tatsache geschlechtlicher Bedürfnisse bei Mensch und Tier drückt man in der Biologie durch
die Annahme eines »Geschlechtstriebes« aus. Man folgt dabei der Analogie mit dem Trieb nach
Nahrungsaufnahme, dem Hunger. Eine dem Worte »Hunger« entsprechende Bezeichnung fehlt
der Volkssprache; die Wissenschaft gebraucht als solche »Libido«[1].
Die populäre Meinung macht sich ganz bestimmte Vorstellungen von der Natur und den
Eigenschaften dieses Geschlechtstriebes. Er soll der Kindheit fehlen, sich um die Zeit und im
Zusammenhang mit dem Reifungsvorgang der Pubertät einstellen, sich in den Erscheinungen
unwiderstehlicher Anziehung äußern, die das eine Geschlecht auf das andere ausübt, und sein
Ziel soll die geschlechtliche Vereinigung sein oder wenigstens solche Handlungen, welche auf
dem Wege zu dieser liegen.
Wir haben aber allen Grund, in diesen Angaben ein sehr ungetreues Abbild der Wirklichkeit zu
erblicken; faßt man sie schärfer ins Auge, so erweisen sie sich überreich an Irrtümern,
Ungenauigkeiten und Voreiligkeiten.
Führen wir zwei Termini ein: heißen wir die Person, von welcher die geschlechtliche Anziehung
ausgeht, das Sexualobjekt, die Handlung, nach welcher der Trieb drängt, das Sexualziel, so weist
uns die wissenschaftlich gesichtete Erfahrung zahlreiche Abweichungen in bezug auf beide,
Sexualobjekt und Sexualziel, nach, deren Verhältnis zur angenommenen Norm eingehende
Untersuchung fordert.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin