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Abweichungen in bezug auf das Sexualobjekt
Der populären Theorie des Geschlechtstriebes entspricht am schönsten die poetische Fabel von
der Teilung des Menschen in zwei Hälften – Mann und Weib –, die sich in der Liebe wieder zu
vereinigen streben. Es wirkt darum wie eine große Überraschung zu hören, daß es Männer gibt,
für die nicht das Weib, sondern der Mann, Weiber, für die nicht der Mann, sondern das Weib das
Sexualobjekt darstellt. Man heißt solche Personen Konträrsexuale oder besser Invertierte, die
Tatsache die der Inversion. Die Zahl solcher Personen ist sehr erheblich, wiewohl deren sichere
Ermittlung Schwierigkeiten unterliegt[2].
(A) Die Inversion
Verhalten der Invertierten. Die betreffenden Personen verhalten sich nach verschiedenen
Richtungen ganz verschieden.
(a) Sie sind absolut invertiert, das heißt, ihr Sexualobjekt kann nur gleichgeschlechtlich sein,
während das gegensätzliche Geschlecht für sie niemals Gegenstand der geschlechtlichen
Sehnsucht ist, sondern sie kühl läßt oder selbst sexuelle Abneigung bei ihnen hervorruft. Als
Männer sind sie dann durch Abneigung unfähig, den normalen Geschlechtsakt auszuführen, oder
vermissen bei dessen Ausführung jeden Genuß.
(b) Sie sind amphigen invertiert (psychosexuell-hermaphroditisch), das heißt, ihr Sexualobjekt
kann ebensowohl dem gleichen wie dem anderen Geschlecht angehören; der Inversion fehlt also
der Charakter der Ausschließlichkeit.
(c) Sie sind okkasionell invertiert, das heißt, unter gewissen äußeren Bedingungen, von denen die
Unzugänglichkeit des normalen Sexualobjektes und die Nachahmung obenan stehen, können sie
eine Person des gleichen Geschlechtes zum Sexualobjekt nehmen und im Sexualakt mit ihr
Befriedigung empfinden.
Die Invertierten zeigen ferner ein mannigfaltiges Verhalten in ihrem Urteil über die
Besonderheit ihres Geschlechtstriebes. Die einen nehmen die Inversion als selbstverständlich hin
wie der Normale die Richtung seiner Libido und vertreten mit Schärfe deren Gleichberechtigung
mit der normalen. Andere aber lehnen sich gegen die Tatsache ihrer Inversion auf und empfinden
dieselbe als krankhaften Zwang[3].
Weitere Variationen betreffen die zeitlichen Verhältnisse. Die Eigentümlichkeit der Inversion
datiert bei dem Individuum entweder von jeher, soweit seine Erinnerung zurückreicht, oder
dieselbe hat sich ihm erst zu einer bestimmten Zeit vor oder nach der Pubertät bemerkbar
gemacht[4]. Der Charakter bleibt entweder durchs ganze Leben erhalten oder tritt zeitweise zurück
oder stellt eine Episode auf dem Wege zur normalen Entwicklung dar; ja er kann sich erst spät im
Leben nach Ablauf einer langen Periode normaler Sexualtätigkeit äußern. Auch ein periodisches
Schwanken zwischen dem normalen und dem invertierten Sexualobjekt ist beobachtet worden.
Besonders interessant sind Fälle, in denen sich die Libido im Sinne der Inversion ändert,
nachdem eine peinliche Erfahrung mit dem normalen Sexualobjekt gemacht worden ist.
Diese verschiedenen Reihen von Variationen bestehen im allgemeinen unabhängig
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin