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nebeneinander. Von der extremsten Form kann man etwa regelmäßig annehmen, daß die
Inversion seit sehr früher Zeit bestanden hat und daß die Person sich mit ihrer Eigentümlichkeit
einig fühlt.
Viele Autoren würden sich weigern, die hier aufgezählten Fälle zu einer Einheit
zusammenzufassen, und ziehen es vor, die Unterschiede anstatt der Gemeinsamen dieser
Gruppen zu betonen, was mit der von ihnen beliebten Beurteilung der Inversion zusammenhängt.
Allein so berechtigt Sonderungen sein mögen, so ist doch nicht zu verkennen, daß alle
Zwischenstufen reichlich aufzufinden sind, so daß die Reihenbildung sich gleichsam von selbst
aufdrängt.
Auffassung der Inversion. Die erste Würdigung der Inversion bestand in der Auffassung, sie sei
ein angeborenes Zeichen nervöser Degeneration, und war im Einklange mit der Tatsache, daß die
ärztlichen Beobachter zuerst bei Nervenkranken oder Personen, die solchen Eindruck machten,
auf sie gestoßen waren. In dieser Charakteristik sind zwei Angaben enthalten, die unabhängig
voneinander beurteilt werden sollen: das Angeborensein und die Degeneration.
Degeneration. Die Degeneration unterliegt den Einwänden, die sich gegen die wahllose
Verwendung des Wortes überhaupt erheben. Es ist doch Sitte geworden, jede Art von
Krankheitsäußerung, die nicht gerade traumatischen oder infektiösen Ursprunges ist, der
Degeneration zuzurechnen. Die Magnansche Einteilung der Degenerierten hat es selbst
ermöglicht, daß die vorzüglichste Allgemeingestaltung der Nervenleistung die Anwendbarkeit
des Begriffes Degeneration nicht auszuschließen braucht. Unter solchen Umständen darf man
fragen, welchen Nutzen und welchen neuen Inhalt das Urteil »Degeneration« überhaupt noch
besitzt. Es scheint zweckmäßiger, von Degeneration nicht zu sprechen:
(1) wo nicht mehrere schwere Abweichungen von der Norm zusammentreffen;
(2) wo nicht Leistungs- und Existenzfähigkeit im allgemeinen schwer geschädigt erscheinen[5].
Daß die Invertierten nicht Degenerierte in diesem berechtigten Sinne sind, geht aus mehreren
Tatsachen hervor:
(1) Man findet die Inversion bei Personen, die keine sonstigen schweren Abweichungen von der
Norm zeigen;
(2) desgleichen bei Personen, deren Leistungsfähigkeit nicht gestört ist, ja, die sich durch
besonders hohe intellektuelle Entwicklung und ethische Kultur auszeichnen[6].
(3) Wenn man von den Patienten seiner ärztlichen Erfahrung absieht und einen weiteren
Gesichtskreis zu umfassen strebt, stößt man nach zwei Richtungen auf Tatsachen, welche die
Inversion als Degenerationszeichen aufzufassen verbieten.
(a) Man muß Wert darauf legen, daß die Inversion eine häufige Erscheinung, fast eine mit
wichtigen Funktionen betraute Institution bei den alten Völkern auf der Höhe ihrer Kultur war;
(b) man findet sie ungemein verbreitet bei vielen wilden und primitiven Völkern, während man
den Begriff der Degeneration auf die hohe Zivilisation zu beschränken gewohnt ist (I. Bloch);
selbst unter den zivilisierten Völkern Europas haben Klima und Rasse auf die Verbreitung und
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin