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Abweichungen in bezug auf das Sexualziel
Als normales Sexualziel gilt die Vereinigung der Genitalien in dem als Begattung bezeichneten
Akte, der zur Lösung der sexuellen Spannung und zum zeitweiligen Erlöschen des Sexualtriebes
führt (Befriedigung analog der Sättigung beim Hunger). Doch sind bereits am normalsten
Sexualvorgang jene Ansätze kenntlich, deren Ausbildung zu den Abirrungen führt, die man als
Perversionen beschrieben hat. Es werden nämlich gewisse intermediäre (auf dem Wege zur
Begattung liegende) Beziehungen zum Sexualobjekt, wie das Betasten und Beschauen desselben,
als vorläufige Sexualziele anerkannt. Diese Betätigungen sind einerseits selbst mit Lust
verbunden, andererseits steigern sie die Erregung, welche bis zur Erreichung des endgültigen
Sexualzieles andauern soll. Eine bestimmte dieser Berührungen, die der beiderseitigen
Lippenschleimhaut, hat ferner als Kuß bei vielen Völkern (die höchstzivilisierten darunter) einen
hohen sexuellen Wert erhalten, obwohl die dabei in Betracht kommenden Körperteile nicht dem
Geschlechtsapparat angehören, sondern den Eingang zum Verdauungskanal bilden. Hiemit sind
also Momente gegeben, welche die Perversionen an das normale Sexualleben anknüpfen lassen
und auch zur Einteilung derselben verwendbar sind. Die Perversionen sind entweder
a) anatomische Überschreitungen der für die geschlechtliche Vereinigung bestimmten
Körpergebiete oder b) Verweilungen bei den intermediären Relationen zum Sexualobjekt, die
normalerweise auf dem Wege zum endgültigen Sexualziel rasch durchschritten werden sollen.
(A) Anatomische Überschreitungen
Überschätzung des Sexualobjektes. Die psychische Wertschätzung, deren das Sexualobjekt als
Wunschziel des Sexualtriebes teilhaftig wird, beschränkt sich in den seltensten Fällen auf dessen
Genitalien, sondern greift auf den ganzen Körper desselben über und hat die Tendenz, alle vom
Sexualobjekt ausgehenden Sensationen mit einzubeziehen. Die gleiche Überschätzung strahlt auf
das psychische Gebiet aus und zeigt sich als logische Verblendung (Urteilsschwäche) angesichts
der seelischen Leistungen und Vollkommenheiten des Sexualobjektes sowie als gläubige
Gefügigkeit gegen die von letzterem ausgehenden Urteile. Die Gläubigkeit der Liebe wird so zu
einer wichtigen, wenn nicht zur uranfänglichen Quelle der Autorität[13].
Diese Sexualüberschätzung ist es nun, welche sich mit der Einschränkung des Sexualzieles auf
die Vereinigung der eigentlichen Genitalien so schlecht verträgt und Vornahmen an anderen
Körperteilen zu Sexualzielen erheben hilft[14].
Die Bedeutung des Moments der Sexualüberschätzung läßt sich am ehesten beim Manne
studieren, dessen Liebesleben allein der Erforschung zugänglich geworden ist, während das des
Weibes zum Teil infolge der Kulturverkümmerung, zum anderen Teil durch die konventionelle
Verschwiegenheit und Unaufrichtigkeit der Frauen in ein noch undurchdringliches Dunkel
gehüllt ist[15].
Sexuelle Verwendung der Lippen-Mund-Schleimhaut. Die Verwendung des Mundes als
Sexualorgan gilt als Perversion, wenn die Lippen (Zunge) der einen Person mit den Genitalien
der anderen in Berührung gebracht werden, nicht aber, wenn beider Teile Lippenschleimhäute
einander berühren. In letzterer Ausnahme liegt die Anknüpfung ans Normale. Wer die anderen
wohl seit den Urzeiten der Menschheit gebräuchlichen Praktiken als Perversionen verabscheut,
der gibt dabei einem deutlichen Ekelgefühl nach, welches ihn vor der Annahme eines solchen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin