Seite - 1143 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 1143 -
Text der Seite - 1143 -
Wäsche.) Dieser Ersatz wird nicht mit Unrecht mit dem Fetisch verglichen, in dem der Wilde
seinen Gott verkörpert sieht.
Den Übergang zu den Fällen von Fetischismus mit Verzicht auf ein normales oder perverses
Sexualziel bilden Fälle, in denen eine fetischistische Bedingung am Sexualobjekt erfordert wird,
wenn das Sexualziel erreicht werden soll. (Bestimmte Haarfarbe, Kleidung, selbst Körperfehler.)
Keine andere ans Pathologische streifende Variation des Sexualtriebes hat so viel Anspruch auf
unser Interesse wie diese durch die Sonderbarkeit der durch sie veranlaßten Erscheinungen. Eine
gewisse Herabsetzung des Strebens nach dem normalen Sexualziel scheint für alle Fälle
Voraussetzung (exekutive Schwäche des Sexualapparates)[16]. Die Anknüpfung ans Normale wird
durch die psychologisch notwendige Überschätzung des Sexualobjektes vermittelt, welche
unvermeidlich auf alles mit demselben assoziativ Verbundene übergreift. Ein gewisser Grad von
solchem Fetischismus ist daher dem normalen Lieben regelmäßig eigen, besonders in jenen
Stadien der Verliebtheit, in welchen das normale Sexualziel unerreichbar oder dessen Erfüllung
aufgehoben erscheint.
»Schaff’ mir ein Halstuch von ihrer Brust,
Ein Strumpfband meiner Liebeslust!«
Der pathologische Fall tritt erst ein, wenn sich das Streben nach dem Fetisch über solche
Bedingung hinaus fixiert und sich an die Stelle des normalen Zieles setzt, ferner wenn sich der
Fetisch von der bestimmten Person loslöst, zum alleinigen Sexualobjekt wird. Es sind dies die
allgemeinen Bedingungen für das Übergehen bloßer Variationen des Geschlechtstriebes in
pathologische Verirrungen.
In der Auswahl des Fetisch zeigt sich, wie Binet zuerst behauptet hat und dann später durch
zahlreiche Belege erwiesen worden ist, der fortwirkende Einfluß eines zumeist in früher Kindheit
empfangenen sexuellen Eindruckes, was man der sprichwörtlichen Haftfähigkeit einer ersten
Liebe beim Normalen (»on revient toujours à ses premiers amours«) an die Seite stellen darf.
Eine solche Ableitung ist besonders deutlich bei Fällen mit bloß fetischistischer Bedingtheit des
Sexualobjektes. Der Bedeutung frühzeitiger sexueller Eindrücke werden wir noch an anderer
Stelle begegnen[17].
In anderen Fällen ist es eine dem Betroffenen meist nicht bewußte symbolische
Gedankenverbindung, welche zum Ersatz des Objektes durch den Fetisch geführt hat. Die Wege
dieser Verbindungen sind nicht immer mit Sicherheit nachzuweisen (der Fuß ist ein uraltes
sexuelles Symbol, schon im Mythus[18], »Pelz« verdankt seine Fetischrolle wohl der Assoziation
mit der Behaarung des mons Veneris); doch scheint auch solche Symbolik nicht immer
unabhängig von sexuellen Erlebnissen der Kinderzeit[19].
(B) Fixierungen von vorläufigen Sexualzielen
Auftreten neuer Absichten. Alle äußeren und inneren Bedingungen, welche das Erreichen des
normalen Sexualzieles erschweren oder in die Ferne rücken (Impotenz, Kostbarkeit des
Sexualobjektes, Gefahren des Sexualaktes), unterstützen wie begreiflich die Neigung, bei den
vorbereitenden Akten zu verweilen und neue Sexualziele aus ihnen zu gestalten, die an die Stelle
des normalen treten können. Bei näherer Prüfung zeigt sich stets, daß die anscheinend
1143
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin