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fremdartigsten dieser neuen Absichten doch bereits beim normalen Sexualvorgang angedeutet
sind.
Betasten und Beschauen. Ein gewisses Maß von Tasten ist wenigstens für den Menschen zur
Erreichung des normalen Sexualzieles unerläßlich. Auch ist es allgemein bekannt, welche
Lustquelle einerseits, welcher Zufluß neuer Erregung andererseits durch die
Berührungsempfindungen von der Haut des Sexualobjektes gewonnen wird. Somit kann das
Verweilen beim Betasten, falls der Sexualakt überhaupt nur weitergeht, kaum zu den
Perversionen gezählt werden.
Ähnlich ist es mit dem in letzter Linie vom Tasten abgeleiteten Sehen. Der optische Eindruck
bleibt der Weg, auf dem die libidinöse Erregung am häufigsten geweckt wird und auf dessen
Gangbarkeit – wenn diese teleologische Betrachtungsweise zulässig ist – die Zuchtwahl rechnet,
indem sie das Sexualobjekt sich zur Schönheit entwickeln läßt. Die mit der Kultur fortschreitende
Verhüllung des Körpers hält die sexuelle Neugierde wach, welche danach strebt, sich das
Sexualobjekt durch Enthüllung der verborgenen Teile zu ergänzen, die aber ins Künstlerische
abgelenkt (»sublimiert«) werden kann, wenn man ihr Interesse von den Genitalien weg auf die
Körperbildung im ganzen zu lenken vermag[20]. Ein Verweilen bei diesem intermediären
Sexualziel des sexuell betonten Schauens kommt in gewissem Grade den meisten Normalen zu,
ja es gibt ihnen die Möglichkeit, einen gewissen Betrag ihrer Libido auf höhere künstlerische
Ziele zu richten. Zur Perversion wird die Schaulust im Gegenteil, a) wenn sie sich ausschließlich
auf die Genitalien einschränkt, b) wenn sie sich mit der Überwindung des Ekels verbindet
(voyeurs: Zuschauer bei den Exkretionsfunktionen), c) wenn sie das normale Sexualziel, anstatt
es vorzubereiten, verdrängt. Letzteres ist in ausgeprägter Weise bei den Exhibitionisten der Fall,
die, wenn ich nach mehreren Analysen schließen darf, ihre Genitalien zeigen, um als
Gegenleistung die Genitalien des anderen Teiles zu Gesicht zu bekommen[21].
Bei der Perversion, deren Streben das Schauen und Beschautwerden ist, tritt ein sehr
merkwürdiger Charakter hervor, der uns bei der nächstfolgenden Abirrung noch intensiver
beschäftigen wird. Das Sexualziel ist hiebei nämlich in zweifacher Ausbildung vorhanden, in
aktiver und in passiver Form.
Die Macht, welche der Schaulust entgegensteht und eventuell durch sie aufgehoben wird, ist die
Scham (wie vorhin der Ekel).
Sadismus und Masochismus. Die Neigung, dem Sexualobjekt Schmerz zuzufügen, und ihr
Gegenstück, diese häufigste und bedeutsamste aller Perversionen, ist in ihren beiden
Gestaltungen, der aktiven und der passiven, von v. Krafft-Ebing als Sadismus und Masochismus
(passiv) benannt worden. Andere Autoren ziehen die engere Bezeichnung Algolagnie vor, welche
die Lust am Schmerz, die Grausamkeit, betont, während bei den Namen, die v. Krafft-Ebing
gewählt hat, die Lust an jeder Art von Demütigung und Unterwerfung in den Vordergrund
gestellt wird.
Für die aktive Algolagnie, den Sadismus, sind die Wurzeln im Normalen leicht nachzuweisen.
Die Sexualität der meisten Männer zeigt eine Beimengung von Aggression, von Neigung zur
Überwältigung, deren biologische Bedeutung in der Notwendigkeit liegen dürfte, den Widerstand
des Sexualobjektes noch anders als durch die Akte der Werbung zu überwinden. Der Sadismus
entspräche dann einer selbständig gewordenen, übertriebenen, durch Verschiebung an die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin