Seite - 1145 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 1145 -
Text der Seite - 1145 -
Hauptstelle gerückten aggressiven Komponente des Sexualtriebes.
Der Begriff des Sadismus schwankt im Sprachgebrauch von einer bloß aktiven, sodann
gewalttätigen Einstellung gegen das Sexualobjekt bis zur ausschließlichen Bindung der
Befriedigung an die Unterwerfung und Mißhandlung desselben. Strenge genommen, hat nur der
letztere extreme Fall Anspruch auf den Namen einer Perversion.
In ähnlicher Weise umfaßt die Bezeichnung Masochismus alle passiven Einstellungen zum
Sexualleben und Sexualobjekt, als deren äußerste die Bindung der Befriedigung an das Erleiden
von physischem oder seelischem Schmerz von seiten des Sexualobjektes erscheint. Der
Masochismus als Perversion scheint sich vom normalen Sexualziel weiter zu entfernen als sein
Gegenstück; es darf zunächst bezweifelt werden, ob er jemals primär auftritt oder nicht vielmehr
regelmäßig durch Umbildung aus dem Sadismus entsteht[22]. Häufig läßt sich erkennen, daß der
Masochismus nichts anderes ist als eine Fortsetzung des Sadismus in Wendung gegen die eigene
Person, welche dabei zunächst die Stelle des Sexualobjekts vertritt. Die klinische Analyse
extremer Fälle von masochistischer Perversion führt auf das Zusammenwirken einer großen
Reihe von Momenten, welche die ursprüngliche passive Sexualeinstellung übertreiben und
fixieren. (Kastrationskomplex, Schuldbewußtsein.)
Der Schmerz, der hiebei überwunden wird, reiht sich dem Ekel und der Scham an, die sich der
Libido als Widerstände entgegengestellt hatten.
Sadismus und Masochismus nehmen unter den Perversionen eine besondere Stellung ein, da der
ihnen zugrunde liegende Gegensatz von Aktivität und Passivität zu den allgemeinen Charakteren
des Sexuallebens gehört.
Daß Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehören, lehrt die Kulturgeschichte der
Menschheit über jeden Zweifel, aber in der Aufklärung dieses Zusammenhanges ist man über die
Betonung des aggressiven Moments der Libido nicht hinausgekommen. Nach einigen Autoren ist
diese dem Sexualtrieb beigemengte Aggression eigentlich ein Rest kannibalischer Gelüste, also
eine Mitbeteiligung des Bemächtigungsapparates, welcher der Befriedigung des anderen,
ontogenetisch älteren großen Bedürfnisses dient[23]. Es ist auch behauptet worden, daß jeder
Schmerz an und für sich die Möglichkeit einer Lustempfindung enthalte. Wir wollen uns mit dem
Eindruck begnügen, daß die Aufklärung dieser Perversion keineswegs befriedigend gegeben ist
und daß möglicherweise hiebei mehrere seelische Strebungen sich zu einem Effekt vereinigen[24].
Die auffälligste Eigentümlichkeit dieser Perversion liegt aber darin, daß ihre aktive und ihre
passive Form regelmäßig bei der nämlichen Person mitsammen angetroffen werden. Wer Lust
daran empfindet, anderen Schmerz in sexueller Relation zu erzeugen, der ist auch befähigt, den
Schmerz als Lust zu genießen, der ihm aus sexuellen Beziehungen erwachsen kann. Ein Sadist ist
immer auch gleichzeitig ein Masochist, wenngleich die aktive oder die passive Seite der
Perversion bei ihm stärker ausgebildet sein und seine vorwiegende sexuelle Betätigung darstellen
kann[25].
Wir sehen so gewisse der Perversionsneigungen regelmäßig als Gegensatzpaare auftreten, was
mit Hinblick auf später beizubringendes Material eine hohe theoretische Bedeutung
beanspruchen darf[26]. Es ist ferner einleuchtend, daß die Existenz des Gegensatzpaares
Sadismus–Masochismus aus der Aggressionsbeimengung nicht ohneweiters ableitbar ist.
Dagegen wäre man versucht, solche gleichzeitig vorhandene Gegensätze mit dem in der
1145
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin