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Der Sexualtrieb bei den Neurotikern
Die Psychoanalyse. Einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis des Sexualtriebes bei Personen, die
den Normalen mindestens nahestehen, gewinnt man aus einer Quelle, die nur auf einem
bestimmten Wege zugänglich ist. Es gibt nur ein Mittel, über das Geschlechtsleben der
sogenannten Psychoneurotiker (Hysterie, Zwangsneurose, fälschlich sogenannte Neurasthenie,
sicherlich auch Dementia praecox, Paranoia) gründliche und nicht irreleitende Aufschlüsse zu
erhalten, nämlich wenn man sie der psychoanalytischen Erforschung unterwirft, deren sich das
von J. Breuer und mir 1893 eingesetzte, damals »kathartisch« genannte Heilverfahren bedient.
Ich muß vorausschicken, respektive aus anderen Veröffentlichungen wiederholen, daß diese
Psychoneurosen, soweit meine Erfahrungen reichen, auf sexuellen Triebkräften beruhen. Ich
meine dies nicht etwa so, daß die Energie des Sexualtriebes einen Beitrag zu den Kräften liefert,
welche die krankhaften Erscheinungen (Symptome) unterhalten, sondern ich will ausdrücklich
behaupten, daß dieser Anteil der einzig konstante und die wichtigste Energiequelle der Neurose
ist, so daß das Sexualleben der betreffenden Personen sich entweder ausschließlich oder
vorwiegend oder nur teilweise in diesen Symptomen äußert. Die Symptome sind, wie ich es an
anderer Stelle ausgedrückt habe, die Sexualbetätigung der Kranken. Den Beweis für diese
Behauptung hat mir eine seit fünfundzwanzig Jahren sich mehrende Anzahl von Psychoanalysen
hysterischer und anderer Nervöser geliefert, über deren Ergebnisse im einzelnen ich an anderen
Orten ausführliche Rechenschaft gegeben habe und noch weiter geben werde[29].
Die Psychoanalyse beseitigt die Symptome Hysterischer unter der Voraussetzung, daß dieselben
der Ersatz – die Transkription gleichsam – für eine Reihe von affektbesetzten seelischen
Vorgängen, Wünschen und Strebungen sind, denen durch einen besonderen psychischen Prozeß
(die Verdrängung) der Zugang zur Erledigung durch bewußtseinsfähige psychische Tätigkeit
versagt worden ist. Diese also im Zustande des Unbewußten zurückgehaltenen
Gedankenbildungen streben nach einem ihrem Affektwert gemäßen Ausdruck, einer Abfuhr, und
finden eine solche bei der Hysterie durch den Vorgang der Konversion in somatischen
Phänomenen – eben den hysterischen Symptomen. Bei der kunstgerechten, mit Hilfe einer
besonderen Technik durchgeführten Rückverwandlung der Symptome in nun bewußtgewordene,
affektbesetzte Vorstellungen ist man also imstande, über die Natur und die Abkunft dieser früher
unbewußten psychischen Bildungen das Genaueste zu erfahren.
Ergebnisse der Psychoanalyse. Es ist auf diese Weise in Erfahrung gebracht worden, daß die
Symptome einen Ersatz für Strebungen darstellen, die ihre Kraft der Quelle des Sexualtriebes
entnehmen. Im vollen Einklange damit steht, was wir über den Charakter der hier zum Muster für
alle Psychoneurotiker genommenen Hysteriker von ihrer Erkrankung und über die Anlässe zur
Erkrankung wissen. Der hysterische Charakter läßt ein Stück Sexualverdrängung erkennen,
welches über das normale Maß hinausgeht, eine Steigerung der Widerstände gegen den
Sexualtrieb, die uns als Scham, Ekel und Moral bekannt geworden sind, eine wie instinktive
Flucht vor der intellektuellen Beschäftigung mit dem Sexualproblem, welche in ausgeprägten
Fällen den Erfolg hat, die volle sexuelle Unwissenheit noch bis in die Jahre der erlangten
Geschlechtsreife zu bewahren[30].
Dieser für die Hysterie wesentliche Charakterzug wird für die grobe Beobachtung nicht selten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin