Seite - 1150 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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durch das Vorhandensein des zweiten konstitutionellen Faktors der Hysterie, durch die
übermächtige Ausbildung des Sexualtriebes verdeckt, allein die psychologische Analyse weiß ihn
jedesmal aufzudecken und die widerspruchsvolle Rätselhaftigkeit der Hysterie durch die
Feststellung des Gegensatzpaares von übergroßem sexuellen Bedürfnis und zu weit getriebener
Sexualablehnung zu lösen.
Der Anlaß zur Erkrankung ergibt sich für die hysterisch disponierte Person, wenn infolge der
fortschreitenden eigenen Reifung oder äußerer Lebensverhältnisse die reale Sexualforderung
ernsthaft an sie herantritt. Zwischen dem Drängen des Triebes und dem Widerstreben der
Sexualablehnung stellt sich dann der Ausweg der Krankheit her, der den Konflikt nicht löst,
sondern ihm durch die Verwandlung der libidinösen Strebungen in Symptome zu entgehen sucht.
Es ist nur eine scheinbare Ausnahme, wenn eine hysterische Person, ein Mann etwa, an einer
banalen Gemütsbewegung, an einem Konflikt, in dessen Mittelpunkt nicht das sexuelle Interesse
steht, erkrankt. Die Psychoanalyse kann dann regelmäßig nachweisen, daß es die sexuelle
Komponente des Konflikts ist, welche die Erkrankung ermöglicht hat, indem sie die seelischen
Vorgänge der normalen Erledigung entzog.
Neurose und Perversion. Ein guter Teil des Widerspruches gegen diese meine Aufstellungen
erklärt sich wohl daraus, daß man die Sexualität, von welcher ich die psychoneurotischen
Symptome ableite, mit dem normalen Sexualtrieb zusammenfallen ließ. Allein die Psychoanalyse
lehrt noch mehr. Sie zeigt, daß die Symptome keineswegs allein auf Kosten des sogenannten
normalen Sexualtriebes entstehen (wenigstens nicht ausschließlich oder vorwiegend), sondern
den konvertierten Ausdruck von Trieben darstellen, welche man als perverse (im weitesten
Sinne) bezeichnen würde, wenn sie sich ohne Ablenkung vom Bewußtsein direkt in
Phantasievorsätzen und Taten äußern könnten. Die Symptome bilden sich also zum Teil auf
Kosten abnormer Sexualität; die Neurose ist sozusagen das Negativ der Perversion[31].
Der Sexualtrieb der Psychoneurotiker läßt alle die Abirrungen erkennen, die wir als Variationen
des normalen und als Äußerungen des krankhaften Sexuallebens studiert haben.
(a) Bei allen Neurotikern (ohne Ausnahme) finden sich im unbewußten Seelenleben Regungen
von Inversion, Fixierung von Libido auf Personen des gleichen Geschlechts. Ohne tief
eindringende Erörterung ist es nicht möglich, die Bedeutung dieses Moments für die Gestaltung
des Krankheitsbildes entsprechend zu würdigen; ich kann nur versichern, daß die unbewußte
Inversionsneigung niemals fehlt und insbesondere zur Aufklärung der männlichen Hysterie die
größten Dienste leistet[32].
(b) Es sind bei den Psychoneurotikern alle Neigungen zu den anatomischen Überschreitungen im
Unbewußten und als Symptombildner nachweisbar, unter ihnen mit besonderer Häufigkeit und
Intensität diejenigen, welche für Mund- und Afterschleimhaut die Rolle von Genitalien in
Anspruch nehmen.
(c) Eine ganz hervorragende Rolle unter den Symptombildnern der Psychoneurosen spielen die
zumeist in Gegensatzpaaren auftretenden Partialtriebe, die wir als Bringer neuer Sexualziele
kennengelernt haben, der Trieb der Schaulust und der Exhibition und der aktiv und passiv
ausgebildete Trieb zur Grausamkeit. Der Beitrag des letzteren ist zum Verständnis der
Leidensnatur der Symptome unentbehrlich und beherrscht fast regelmäßig ein Stück des sozialen
Verhaltens der Kranken. Vermittels dieser Grausamkeitsverknüpfung der Libido geht auch die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin