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Erklärung des scheinbaren Überwiegens perverser Sexualität bei den Psychoneurosen
Durch die vorstehenden Erörterungen ist die Sexualität der Psychoneurotiker in ein
möglicherweise falsches Licht gerückt worden. Es hat den Anschein bekommen, als näherten
sich die Psychoneurotiker in ihrem sexuellen Verhalten der Anlage nach sehr den Perversen und
entfernten sich dafür um ebensoviel von den Normalen. Nun ist sehr wohl möglich, daß die
konstitutionelle Disposition dieser Kranken außer einem übergroßen Maß von
Sexualverdrängung und einer übermächtigen Stärke des Sexualtriebes eine ungewöhnliche
Neigung zur Perversion im weitesten Sinne mitenthält, allein die Untersuchung leichterer Fälle
zeigt, daß letztere Annahme nicht unbedingt erforderlich ist oder daß zum mindesten bei der
Beurteilung der krankhaften Effekte die Wirkung eines Faktors in Abzug gebracht werden muß.
Bei den meisten Psychoneurotikern tritt die Erkrankung erst nach der Pubertätszeit auf unter der
Anforderung des normalen Sexuallebens. Gegen dieses richtet sich vor allem die Verdrängung.
Oder spätere Erkrankungen stellen sich her, indem der Libido auf normalem Wege die
Befriedigung versagt wird. In beiden Fällen verhält sich die Libido wie ein Strom, dessen
Hauptbett verlegt wird; sie füllt die kollateralen Wege aus, die bisher vielleicht leer geblieben
waren. Somit kann auch die scheinbar so große (allerdings negative) Perversionsneigung der
Psychoneurotiker eine kollateral bedingte, muß jedenfalls eine kollateral erhöhte sein. Die
Tatsache ist eben, daß man die Sexualverdrängung als inneres Moment jenen äußeren anreihen
muß, welche wie Freiheitseinschränkung, Unzugänglichkeit des normalen Sexualobjekts,
Gefahren des normalen Sexualaktes usw. Perversionen bei Individuen entstehen lassen, welche
sonst vielleicht normal geblieben wären.
In den einzelnen Fällen von Neurose mag es sich hierin verschieden verhalten, das eine Mal die
angeborene Höhe der Perversionsneigung, das andere Mal die kollaterale Hebung derselben
durch die Abdrängung der Libido vom normalen Sexualziel und Sexualobjekt das Maßgebendere
sein. Es wäre unrecht, eine Gegensätzlichkeit zu konstruieren, wo ein Kooperationsverhältnis
vorliegt. Ihre größten Leistungen wird die Neurose jedesmal zustande bringen, wenn Konstitution
und Erleben in demselben Sinne zusammenwirken. Eine ausgesprochene Konstitution wird etwa
der Unterstützung durch die Lebenseindrücke entbehren können, eine ausgiebige Erschütterung
im Leben etwa die Neurose auch bei durchschnittlicher Konstitution zustande bringen. Diese
Gesichtspunkte gelten übrigens in gleicher Weise für die ätiologische Bedeutung von
Angeborenem und akzidentell Erlebtem auch auf anderen Gebieten.
Bevorzugt man die Annahme, daß eine besonders ausgebildete Neigung zu Perversionen doch zu
den Eigentümlichkeiten der psychoneurotischen Konstitution gehört, so eröffnet sich die
Aussicht, je nach dem angeborenen Vorwiegen dieser oder jener erogenen Zone, dieses oder
jenes Partialtriebes eine Mannigfaltigkeit solcher Konstitutionen unterscheiden zu können. Ob
der perversen Veranlagung eine besondere Beziehung zur Auswahl der Erkrankungsform
zukommt, dies ist wie so vieles auf diesem Gebiete noch nicht untersucht.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin