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Die Äußerungen der infantilen Sexualität
Das Lutschen. Aus später zu ersehenden Motiven wollen wir unter den infantilen
Sexualäußerungen das Ludeln (Wonnesaugen) zum Muster nehmen, dem der ungarische
Kinderarzt Lindner eine ausgezeichnete Studie gewidmet hat (1879).
Das Ludeln oder Lutschen, das schon beim Säugling auftritt und bis in die Jahre der Reife
fortgesetzt werden oder sich durchs ganze Leben erhalten kann, besteht in einer rhythmisch
wiederholten saugenden Berührung mit dem Munde (den Lippen), wobei der Zweck der
Nahrungsaufnahme ausgeschlossen ist. Ein Teil der Lippe selbst, die Zunge, eine beliebige
andere erreichbare Hautstelle – selbst die große Zehe – werden zum Objekt genommen, an dem
das Saugen ausgeführt wird. Ein dabei auftretender Greiftrieb äußert sich etwa durch
gleichzeitiges rhythmisches Zupfen am Ohrläppchen und kann sich eines Teiles einer anderen
Person (meist ihres Ohres) zu gleichem Zwecke bemächtigen. Das Wonnesaugen ist mit voller
Aufzehrung der Aufmerksamkeit verbunden, führt entweder zum Einschlafen oder selbst zu einer
motorischen Reaktion in einer Art von Orgasmus[44]. Nicht selten kombiniert sich mit dem
Wonnesaugen die reibende Berührung gewisser empfindlicher Körperstellen, der Brust, der
äußeren Genitalien. Auf diesem Wege gelangen viele Kinder vom Ludeln zur Masturbation.
Lindner selbst hat die sexuelle Natur dieses Tuns klar erkannt und rückhaltlos betont. In der
Kinderstube wird das Ludeln häufig den anderen sexuellen »Unarten« des Kindes gleichgestellt.
Von seiten zahlreicher Kinder- und Nervenärzte ist ein sehr energischer Einspruch gegen diese
Auffassung erhoben worden, der zum Teil gewiß auf der Verwechslung von »sexuell« und
»genital« beruht. Dieser Widerspruch wirft die schwierige und nicht abzuweisende Frage auf, an
welchem allgemeinen Charakter wir die sexuellen Äußerungen des Kindes erkennen wollen. Ich
meine, daß der Zusammenhang der Erscheinungen, in welchen wir durch die psychoanalytische
Untersuchung Einsicht gewonnen haben, uns berechtigt, das Ludeln als eine sexuelle Äußerung
in Anspruch zu nehmen und gerade an ihm die wesentlichen Züge der infantilen
Sexualbetätigung zu studieren[45].
Autoerotismus. Wir haben die Verpflichtung, dieses Beispiel eingehend zu würdigen. Heben wir
als den auffälligsten Charakter dieser Sexualbetätigung hervor, daß der Trieb nicht auf andere
Personen gerichtet ist; er befriedigt sich am eigenen Körper, er ist autoerotisch, um es mit einem
glücklichen, von Havelock Ellis eingeführten Namen zu sagen[46].
Es ist ferner deutlich, daß die Handlung des lutschenden Kindes durch das Suchen nach einer –
bereits erlebten und nun erinnerten – Lust bestimmt wird. Durch das rhythmische Saugen an einer
Haut- oder Schleimhautstelle findet es dann im einfachsten Falle die Befriedigung. Es ist auch
leicht zu erraten, bei welchen Anlässen das Kind die ersten Erfahrungen dieser Lust gemacht hat,
die es nun zu erneuern strebt. Die erste und lebenswichtigste Tätigkeit des Kindes, das Saugen an
der Mutterbrust (oder an ihren Surrogaten), muß es bereits mit dieser Lust vertraut gemacht
haben. Wir würden sagen, die Lippen des Kindes haben sich benommen wie eine erogene Zone,
und die Reizung durch den warmen Milchstrom war wohl die Ursache der Lustempfindung.
Anfangs war wohl die Befriedigung der erogenen Zone mit der Befriedigung des
Nahrungsbedürfnisses vergesellschaftet. Die Sexualbetätigung lehnt sich zunächst an eine der zur
Lebenserhaltung dienenden Funktionen an und macht sich erst später von ihr selbständig. Wer
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin