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Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation
Wir haben bisher als Charaktere des infantilen Sexuallebens hervorgehoben, daß es wesentlich
autoerotisch ist (sein Objekt am eigenen Leibe findet) und daß seine einzelnen Partialtriebe im
ganzen unverknüpft und unabhängig voneinander dem Lusterwerb nachstreben. Den Ausgang der
Entwicklung bildet das sogenannte normale Sexualleben des Erwachsenen, in welchem der
Lusterwerb in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion getreten ist und die Partialtriebe unter dem
Primat einer einzigen erogenen Zone eine feste Organisation zur Erreichung des Sexualzieles an
einem fremden Sexualobjekt gebildet haben.
Prägenitale Organisationen. Das Studium der Hemmungen und Störungen in diesem
Entwicklungsgange mit Hilfe der Psychoanalyse gestattet uns nun Ansätze und Vorstufen einer
solchen Organisation der Partialtriebe zu erkennen, die gleichfalls eine Art von sexuellem
Regime ergeben. Diese Phasen der Sexualorganisation werden normalerweise glatt durchlaufen,
ohne sich durch mehr als Andeutungen zu verraten. Nur in pathologischen Fällen werden sie
aktiviert und für grobe Beobachtung kenntlich.
Organisationen des Sexuallebens, in denen die Genitalzonen noch nicht in ihre vorherrschende
Rolle eingetreten sind, wollen wir prägenitale heißen. Wir haben bisher zwei derselben
kennengelernt, die wie Rückfälle auf frühtierische Zustände anmuten.
Eine erste solche prägenitale Sexualorganisation ist die orale oder, wenn wir wollen,
kannibalische. Die Sexualtätigkeit ist hier von der Nahrungsaufnahme noch nicht gesondert,
Gegensätze innerhalb derselben nicht differenziert. Das Objekt der einen Tätigkeit ist auch das
der anderen, das Sexualziel besteht in der Einverleibung des Objektes, dem Vorbild dessen, was
späterhin als Identifizierung eine so bedeutsame psychische Rolle spielen wird. Als Rest dieser
fiktiven, uns durch die Pathologie aufgenötigten Organisationsphase kann das Lutschen
angesehen werden, in dem die Sexualtätigkeit, von der Ernährungstätigkeit abgelöst, das fremde
Objekt gegen eines am eigenen Körper aufgegeben hat[58].
Eine zweite prägenitale Phase ist die der sadistisch-analen Organisation. Hier ist die
Gegensätzlichkeit, welche das Sexualleben durchzieht, bereits ausgebildet; sie kann aber noch
nicht männlich und weiblich, sondern muß aktiv und passiv benannt werden. Die Aktivität wird
durch den Bemächtigungstrieb von Seiten der Körpermuskulatur hergestellt, als Organ mit
passivem Sexualziel macht sich vor allem die erogene Darmschleimhaut geltend; für beide
Strebungen sind Objekte vorhanden, die aber nicht zusammenfallen. Daneben betätigen sich
andere Partialtriebe in autoerotischer Weise. In dieser Phase sind also die sexuelle Polarität und
das fremde Objekt bereits nachweisbar. Die Organisation und die Unterordnung unter die
Fortpflanzungsfunktion stehen noch aus[59].
Ambivalenz. Diese Form der Sexualorganisation kann sich bereits durchs Leben erhalten und ein
großes Stück der Sexualbetätigung dauernd an sich reißen. Die Vorherrschaft des Sadismus und
die Kloakenrolle der analen Zone geben ihr ein exquisit archaisches Gepräge. Als weiterer
Charakter gehört ihr an, daß die Triebgegensatzpaare in annähernd gleicher Weise ausgebildet
sind, welches Verhalten mit dem glücklichen, von Bleuler eingeführten Namen Ambivalenz
bezeichnet wird.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin