Seite - 1187 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Beispiel, daß es für neurotische Eltern direktere Wege als den der Vererbung gibt, ihre Störung
auf die Kinder zu übertragen.
Infantile Angst. Die Kinder selbst benehmen sich von frühen Jahren an, als sei ihre
Anhänglichkeit an ihre Pflegepersonen von der Natur der sexuellen Liebe. Die Angst der Kinder
ist ursprünglich nichts anderes als der Ausdruck dafür, daß sie die geliebte Person vermissen; sie
kommen darum jedem Fremden mit Angst entgegen; sie fürchten sich in der Dunkelheit, weil
man in dieser die geliebte Person nicht sieht, und lassen sich beruhigen, wenn sie dieselbe in der
Dunkelheit bei der Hand fassen können. Man überschätzt die Wirkung aller Kinderschrecken und
gruseligen Erzählungen der Kinderfrauen, wenn man diesen schuld gibt, daß sie die Ängstlichkeit
der Kinder erzeugen. Kinder, die zur Ängstlichkeit neigen, nehmen nur solche Erzählungen auf,
die an anderen durchaus nicht haften wollen; und zur Ängstlichkeit neigen nur Kinder mit
übergroßem oder vorzeitig entwickeltem oder durch Verzärtelung anspruchsvoll gewordenem
Sexualtrieb. Das Kind benimmt sich hiebei wie der Erwachsene, indem es seine Libido in Angst
verwandelt, sowie es sie nicht zur Befriedigung zu bringen vermag, und der Erwachsene wird
sich dafür, wenn er durch unbefriedigte Libido neurotisch geworden ist, in seiner Angst wie ein
Kind benehmen, sich zu fürchten beginnen, sowie er allein, das heißt ohne eine Person ist, deren
Liebe er sicher zu sein glaubt, und diese seine Angst durch die kindischesten Maßregeln
beschwichtigen wollen[75].
Inzestschranke. Wenn die Zärtlichkeit der Eltern zum Kinde es glücklich vermieden hat, den
Sexualtrieb desselben vorzeitig, das heißt ehe die körperlichen Bedingungen der Pubertät
gegeben sind, in solcher Stärke zu wecken, daß die seelische Erregung in unverkennbarer Weise
zum Genitalsystem durchbricht, so kann sie ihre Aufgabe erfüllen, dieses Kind im Alter der Reife
bei der Wahl des Sexualobjekts zu leiten. Gewiß läge es dem Kinde am nächsten, diejenigen
Personen selbst zu Sexualobjekten zu wählen, die es mit einer sozusagen abgedämpften Libido
seit seiner Kindheit liebt[76]. Aber durch den Aufschub der sexuellen Reifung ist die Zeit
gewonnen worden, neben anderen Sexualhemmnissen die Inzestschranke aufzurichten, jene
moralischen Vorschriften in sich aufzunehmen, welche die geliebten Personen der Kindheit als
Blutsverwandte ausdrücklich von der Objektwahl ausschließen. Die Beachtung dieser Schranke
ist vor allem eine Kulturforderung der Gesellschaft, welche sich gegen die Aufzehrung von
Interessen durch die Familie wehren muß, die sie für die Herstellung höherer sozialer Einheiten
braucht, und darum mit allen Mitteln dahin wirkt, bei jedem einzelnen, speziell beim Jüngling,
den in der Kindheit allein maßgebenden Zusammenhang mit seiner Familie zu lockern[77].
Die Objektwahl wird aber zunächst in der Vorstellung vollzogen, und das Geschlechtsleben der
eben reifenden Jugend hat kaum einen anderen Spielraum, als sich in Phantasien, das heißt in
nicht zur Ausführung bestimmten Vorstellungen zu ergehen[78]. In diesen Phantasien treten bei
allen Menschen die infantilen Neigungen, nun durch den somatischen Nachdruck verstärkt,
wieder auf, und unter ihnen in gesetzmäßiger Häufigkeit und an erster Stelle die meist bereits
durch die Geschlechtsanziehung differenzierte Sexualregung des Kindes für die Eltern, des
Sohnes für die Mutter und der Tochter für den Vater[79]. Gleichzeitig mit der Überwindung und
Verwerfung dieser deutlich inzestuösen Phantasien wird eine der bedeutsamsten, aber auch
schmerzhaftesten, psychischen Leistungen der Pubertätszeit vollzogen, die Ablösung von der
Autorität der Eltern, durch welche erst der für den Kulturfortschritt so wichtige Gegensatz der
neuen Generation zur alten geschaffen wird. Auf jeder der Stationen des Entwicklungsganges,
den die Individuen durchmachen sollen, wird eine Anzahl derselben zurückgehalten, und so gibt
es auch Personen, welche die Autorität der Eltern nie überwunden und ihre Zärtlichkeit von
1187
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin