Seite - 1188 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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denselben nicht oder nur sehr unvollständig zurückgezogen haben. Es sind zumeist Mädchen, die
so zur Freude der Eltern weit über die Pubertät hinaus bei der vollen Kinderliebe verbleiben, und
da wird es dann sehr lehrreich zu finden, daß es diesen Mädchen in ihrer späteren Ehe an dem
Vermögen gebricht, ihren Männern das Gebührende zu schenken. Sie werden kühle Ehefrauen
und bleiben sexuell anästhetisch. Man lernt daraus, daß die anscheinend nicht sexuelle Liebe zu
den Eltern und die geschlechtliche Liebe aus denselben Quellen gespeist werden, das heißt, daß
die erstere nur einer infantilen Fixierung der Libido entspricht.
Je mehr man sich den tieferen Störungen der psychosexuellen Entwicklung nähert, desto
unverkennbarer tritt die Bedeutung der inzestuösen Objektwahl hervor. Bei den
Psychoneurotikern verbleibt infolge von Sexualablehnung ein großes Stück oder das Ganze der
psychosexuellen Tätigkeit zur Objektfindung im Unbewußten. Für die Mädchen mit übergroßem
Zärtlichkeitsbedürfnis und ebensolchem Grausen vor den realen Anforderungen des Sexuallebens
wird es zu einer unwiderstehlichen Versuchung, sich einerseits das Ideal der asexuellen Liebe im
Leben zu verwirklichen und andererseits ihre Libido hinter einer Zärtlichkeit, die sie ohne
Selbstvorwurf äußern dürfen, zu verbergen, indem sie die infantile, in der Pubertät aufgefrischte
Neigung zu Eltern oder Geschwistern fürs Leben festhalten. Die Psychoanalyse kann solchen
Personen mühelos nachweisen, daß sie in diese ihre Blutsverwandten im gemeinverständlichen
Sinne des Wortes verliebt sind, indem sie mit Hilfe der Symptome und anderen
Krankheitsäußerungen ihre unbewußten Gedanken aufspürt und in bewußte übersetzt. Auch wo
ein vorerst Gesunder nach einer unglücklichen Liebeserfahrung erkrankt ist, kann man als den
Mechanismus solcher Erkrankung die Rückwendung seiner Libido auf die infantil bevorzugten
Personen mit Sicherheit aufdecken.
Nachwirkung der infantilen Objektwahl. Auch wer die inzestuöse Fixierung seiner Libido
glücklich vermieden hat, ist dem Einfluß derselben nicht völlig entzogen. Es ist ein deutlicher
Nachklang dieser Entwicklungsphase, wenn die erste ernsthafte Verliebtheit des jungen Mannes,
wie so häufig, einem reifen Weibe, die des Mädchens einem älteren, mit Autorität ausgestatteten
Manne gilt, die ihnen das Bild der Mutter und des Vaters beleben können[80]. In freierer
Anlehnung an diese Vorbilder geht wohl die Objektwahl überhaupt vor sich. Vor allem sucht der
Mann nach dem Erinnerungsbild der Mutter, wie es ihn seit den Anfängen der Kindheit
beherrscht; im vollen Einklang steht es damit, wenn sich die noch lebende Mutter gegen diese
ihre Erneuerung sträubt und ihr mit Feindseligkeit begegnet. Bei solcher Bedeutung der
kindlichen Beziehungen zu den Eltern für die spätere Wahl des Sexualobjekts ist es leicht zu
verstehen, daß jede Störung dieser Kindheitsbeziehungen die schwersten Folgen für das
Sexualleben nach der Reife zeitigt; auch die Eifersucht des Liebenden ermangelt nie der
infantilen Wurzel oder wenigstens der infantilen Verstärkung. Zwistigkeiten zwischen den Eltern
selbst, unglückliche Ehe derselben, bedingen die schwerste Prädisposition für gestörte
Sexualentwicklung oder neurotische Erkrankung der Kinder. Die infantile Neigung zu den Eltern
ist wohl die wichtigste, aber nicht die einzige der Spuren, die, in der Pubertät aufgefrischt, dann
der Objektwahl den Weg weisen. Andere Ansätze derselben Herkunft gestatten dem Manne noch
immer in Anlehnung an seine Kindheit mehr als eine einzige Sexualreihe zu entwickeln, ganz
verschiedene Bedingungen für die Objektwahl auszubilden[81].
Verhütung der Inversion. Eine bei der Objektwahl sich ergebende Aufgabe liegt darin, das
entgegengesetzte Geschlecht nicht zu verfehlen. Sie wird, wie bekannt, nicht ohne einiges Tasten
gelöst. Die ersten Regungen nach der Pubertät gehen häufig genug – ohne dauernden Schaden –
irre. Dessoir hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, welche Gesetzmäßigkeit sich in den
1188
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin