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Perversion durch die Neurose im Leben derselben Person muß man ebenso wie die vorhin
angeführte Verteilung von Perversion und Neurose auf verschiedene Personen derselben Familie
mit der Einsicht, daß die Neurose das Negativ der Perversion ist, zusammenhalten.
Sublimierung. [3] Der dritte Ausgang bei abnormer konstitutioneller Anlage wird durch den
Prozeß der »Sublimierung« ermöglicht, bei welchem den überstarken Erregungen aus einzelnen
Sexualitätsquellen Abfluß und Verwendung auf andere Gebiete eröffnet wird, so daß eine nicht
unerhebliche Steigerung der psychischen Leistungsfähigkeit aus der an sich gefährlichen
Veranlagung resultiert. Eine der Quellen der Kunstbetätigung ist hier zu finden, und je nachdem
solche Sublimierung eine vollständige oder unvollständige ist, wird die Charakteranalyse
hochbegabter, insbesondere künstlerisch veranlagter Personen jedes Mengungsverhältnis
zwischen Leistungsfähigkeit, Perversion und Neurose ergeben. Eine Unterart der Sublimierung
ist wohl die Unterdrückung durch Reaktionsbildung, die, wie wir gefunden haben, bereits in der
Latenzzeit des Kindes beginnt, um sich im günstigen Falle durchs ganze Leben fortzusetzen. Was
wir den »Charakter« eines Menschen heißen, ist zum guten Teil mit dem Material sexueller
Erregungen aufgebaut und setzt sich aus seit der Kindheit fixierten Trieben, aus durch
Sublimierung gewonnenen und aus solchen Konstruktionen zusammen, die zur wirksamen
Niederhaltung perverser, als unverwendbar erkannter Regungen bestimmt sind[85]. Somit kann die
allgemein perverse Sexualanlage der Kindheit als die Quelle einer Reihe unserer Tugenden
geschätzt werden, insofern sie durch Reaktionsbildung zur Schaffung derselben Anstoß gibt[86].
Akzidentell Erlebtes. Gegenüber den Sexualentbindungen, Verdrängungsschüben und
Sublimierungen, letztere beide Vorgänge, deren innere Bedingungen uns völlig unbekannt sind,
treten alle anderen Einflüsse weit an Bedeutung zurück. Wer Verdrängungen und Sublimierungen
mit zur konstitutionellen Anlage rechnet, als die Lebensäußerungen derselben betrachtet, der hat
allerdings das Recht zu behaupten, daß die Endgestaltung des Sexuallebens vor allem das
Ergebnis der angeborenen Konstitution ist. Indes wird kein Einsichtiger bestreiten, daß in
solchem Zusammenwirken von Faktoren auch Raum für die modifizierenden Einflüsse des
akzidentell in der Kindheit und späterhin Erlebten bleibt. Es ist nicht leicht, die Wirksamkeit der
konstitutionellen und der akzidentellen Faktoren in ihrem Verhältnis zueinander abzuschätzen. In
der Theorie neigt man immer zur Überschätzung der ersteren; die therapeutische Praxis hebt die
Bedeutsamkeit der letzteren hervor. Man sollte auf keinen Fall vergessen, daß zwischen den
beiden ein Verhältnis von Kooperation und nicht von Ausschließung besteht. Das konstitutionelle
Moment muß auf Erlebnisse warten, die es zur Geltung bringen, das akzidentelle bedarf einer
Anlehnung an die Konstitution, um zur Wirkung zu kommen. Man kann sich für die Mehrzahl
der Fälle eine sogenannte »Ergänzungsreihe« vorstellen, in welcher die fallenden Intensitäten des
einen Faktors durch die steigenden des anderen ausgeglichen werden, hat aber keinen Grund, die
Existenz extremer Fälle an den Enden der Reihe zu leugnen.
Der psychoanalytischen Forschung entspricht es noch besser, wenn man den Erlebnissen der
frühen Kindheit unter den akzidentellen Momenten eine Vorzugsstellung einräumt. Die eine
ätiologische Reihe zerlegt sich dann in zwei, die man die dispositionelle und die definitive heißen
kann. In der ersteren wirken Konstitution und akzidentelle Kindheitserlebnisse ebenso zusammen
wie in der zweiten Disposition und spätere traumatische Erlebnisse. Alle die Sexualentwicklung
schädigenden Momente äußern ihre Wirkung in der Weise, daß sie eine Regression, eine
Rückkehr zu einer früheren Entwicklungsphase hervorrufen.
Wir setzen hier unsere Aufgabe fort, die uns als einflußreich für die Sexualentwicklung bekannt
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin