Seite - 1202 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Kindererlebnisse verzichten muß, so nenne ich die psychoanalytische Erforschung der Neurotiker
als die Quelle, aus welcher die bestrittene Überzeugung zufließt. Man erfährt, wenn man sich
dieser unersetzlichen Untersuchungsmethode bedient, daß die Symptome die Sexualbetätigung
der Kranken darstellen, die ganze oder eine partielle, aus den Quellen normaler oder perverser
Partialtriebe der Sexualität. Nicht nur, daß ein guter Teil der hysterischen Symptomatologie
direkt aus den Äußerungen der sexuellen Erregtheit herstammt, nicht nur, daß eine Reihe von
erogenen Zonen in der Neurose in Verstärkung infantiler Eigenschaften sich zur Bedeutung von
Genitalien erhebt; die kompliziertesten Symptome selbst enthüllen sich als die konvertierten
Darstellungen von Phantasien, welche eine sexuelle Situation zum Inhalte haben. Wer die
Sprache der Hysterie zu deuten versteht, kann vernehmen, daß die Neurose nur von der
verdrängten Sexualität der Kranken handelt. Man wolle nur die Sexualfunktion in ihrem
richtigen, durch die infantile Anlage umschriebenen Umfange verstehen. Wo eine banale
Emotion zur Verursachung der Erkrankung gerechnet werden muß, weist die Analyse regelmäßig
nach, daß die nicht fehlende sexuelle Komponente des traumatischen Erlebnisses die pathogene
Wirkung ausgeübt hat.
Wir sind unversehens von der Frage nach der Verursachung der Psychoneurosen zum Problem
ihres Wesens vorgedrungen. Will man dem Rechnung tragen, was man durch die Psychoanalyse
erfahren hat, so kann man nur sagen, das Wesen dieser Erkrankungen liege in Störungen der
Sexualvorgänge, jener Vorgänge im Organismus, welche die Bildung und Verwendung der
geschlechtlichen Libido bestimmen. Es ist kaum zu vermeiden, daß man sich diese Vorgänge in
letzter Linie als chemische vorstelle, so daß man in den sogenannten aktuellen Neurosen die
somatischen, in den Psychoneurosen außerdem noch die psychischen Wirkungen der Störungen
im Sexualstoffwechsel erkennen dürfte. Die Ähnlichkeit der Neurosen mit den Intoxikations- und
Abstinenzerscheinungen nach gewissen Alkaloiden, mit dem Morbus Basedowi und Morbus
Addisoni drängt sich ohne weiteres klinisch auf, und so wie man diese beiden letzteren
Erkrankungen nicht mehr als »Nervenkrankheiten« beschreiben darf, so werden wohl auch bald
die echten »Neurosen« ihrer Namengebung zum Trotze aus dieser Klasse entfernt werden
müssen.
Zur Ätiologie der Neurosen gehört dann alles, was schädigend auf die der Sexualfunktion
dienenden Vorgänge einwirken kann. In erster Linie also die Noxen, welche die Sexualfunktion
selbst betreffen, insoferne diese von der mit Kultur und Erziehung veränderlichen
Sexualkonstitution als Schädlichkeiten angenommen werden. In zweiter Linie stehen alle
andersartigen Noxen und Traumen, welche sekundär durch Allgemeinschädigung des
Organismus die Sexualvorgänge in demselben zu schädigen vermögen. Man vergesse aber nicht,
daß das ätiologische Problem bei den Neurosen mindestens ebenso kompliziert ist wie sonst bei
der Krankheitsverursachung. Eine einzige pathogene Einwirkung ist fast niemals hinreichend; zu
allermeist wird eine Mehrheit von ätiologischen Momenten erfordert, die einander unterstützen,
die man also nicht in Gegensatz zueinander bringen darf. Dafür ist auch der Zustand des
neurotischen Krankseins von dem der Gesundheit nicht scharf geschieden. Die Erkrankung ist
das Ergebnis einer Summation, und das Maß der ätiologischen Bedingungen kann von
irgendeiner Seite her vollgemacht werden. Die Ätiologie der Neurosen ausschließlich in der
Heredität oder in der Konstitution zu suchen, wäre keine geringere Einseitigkeit, als wenn man
einzig die akzidentellen Beeinflussungen der Sexualität im Leben zur Ätiologie erheben wollte,
wenn sich doch die Aufklärung ergibt, daß das Wesen dieser Erkrankungen nur in einer Störung
der Sexualvorgänge im Organismus gelegen ist.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin