Seite - 1205 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Geehrter Herr Kollege!
Wenn Sie von mir eine Äußerung über die »sexuelle Aufklärung der Kinder« verlangen, so
nehme ich an, daß Sie keine regelrechte und förmliche Abhandlung mit Berücksichtigung der
ganzen, über Gebühr angewachsenen Literatur erwarten, sondern das selbständige Urteil eines
einzelnen Arztes hören wollen, dem seine Berufstätigkeit besondere Anregung geboten hat, sich
mit den sexuellen Problemen zu beschäftigen. Ich weiß, daß Sie meine wissenschaftlichen
Bemühungen mit Interesse verfolgt haben und mich nicht wie viele andere Kollegen darum ohne
Prüfung abweisen, weil ich in der psychosexuellen Konstitution und in Schädlichkeiten des
Sexuallebens die wichtigsten Ursachen der so häufigen neurotischen Erkrankungen erblicke;
auch meine Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, in denen ich die Zusammensetzung des
Geschlechtstriebes und die Störungen in der Entwicklung des Geschlechtstriebes zur
Sexualfunktion darlege, haben kürzlich eine freundliche Erwähnung in Ihrer Zeitschrift gefunden.
Ich soll Ihnen also die Fragen beantworten, ob man den Kindern überhaupt Aufklärungen über
die Tatsachen des Geschlechtslebens geben darf, in welchem Alter dies geschehen kann und in
welcher Weise. Nehmen Sie nun gleich zu Anfang mein Geständnis entgegen, daß ich eine
Diskussion über den zweiten und dritten Punkt ganz begreiflich finde, daß es aber für meine
Einsicht völlig unfaßbar ist, wie der erste dieser Fragepunkte ein Gegenstand von
Meinungsverschiedenheit werden konnte. Was will man denn erreichen, wenn man den Kindern
– oder sagen wir der Jugend – solche Aufklärungen über das menschliche Geschlechtsleben
vorenthält? Fürchtet man, ihr Interesse für diese Dinge vorzeitig zu wecken, ehe es sich in ihnen
selbst regt? Hofft man, durch solche Verhehlung den Geschlechtstrieb überhaupt zurückzuhalten
bis zur Zeit, da er in die ihm von der bürgerlichen Gesellschaftsordnung allein geöffneten Bahnen
einlenken kann? Meint man, daß die Kinder für die Tatsachen und Rätsel des Geschlechtslebens
kein Interesse oder kein Verständnis zeigten, wenn sie nicht von fremder Seite darauf
hingewiesen würden? Hält man es für möglich, daß ihnen die Kenntnis, welche man ihnen
versagt, nicht auf anderen Wegen zugeführt wird? Oder verfolgt man wirklich und ernsthaft die
Absicht, daß sie späterhin alles Geschlechtliche als etwas Niedriges und Verabscheuenswertes
beurteilen mögen, von dem ihre Eltern und Erzieher sie so lange als möglich fernhalten wollten?
Ich weiß wirklich nicht, in welcher dieser Absichten ich das Motiv für das tatsächlich geübte
Verstecken des Sexuellen vor den Kindern erblicken soll; ich weiß nur, daß sie alle gleich töricht
sind und daß es mir schwerfällt, sie durch ernsthafte Widerlegungen auszuzeichnen. Ich erinnere
mich aber, daß ich in den Familienbriefen des großen Denkers und Menschenfreundes Multatuli
einige Zeilen gefunden habe, die als Antwort mehr als bloß genügen können[92].
»Im allgemeinen werden einzelne Dinge nach meinem Gefühl zu sehr umschleiert. Man tut recht,
die Phantasie der Kinder reinzuhalten, aber diese Reinheit wird nicht bewahrt durch
Unwissenheit. Ich glaube eher, daß das Verdecken von etwas den Knaben und das Mädchen um
so mehr die Wahrheit argwöhnen läßt. Man spürt aus Neugierde Dingen nach, die uns, wenn sie
uns ohne viel Umstände mitgeteilt würden, wenig oder kein Interesse einflößen würden. Wäre
diese Unwissenheit noch zu bewahren, so könnte ich mich damit versöhnen, aber das ist nicht
möglich; das Kind kommt in Berührung mit anderen Kindern, es bekommt Bücher in die Hände,
die es zum Nachdenken bringen; gerade die Geheimtuerei, womit das dennoch Begriffene von
den Eltern behandelt wird, erhöht das Verlangen, mehr zu wissen. Dieses Verlangen, nur zum
Teil, nur heimlich befriedigt, erhitzt das Herz und verdirbt die Phantasie, das Kind sündigt
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin