Seite - 1207 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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dem Wiwimacher kommt Milch.« Mit dreidreiviertel Jahren ist er auf dem Wege, durch seine
Beobachtungen selbständig richtige Kategorien zu entdecken. Er sieht, wie aus einer Lokomotive
Wasser ausgelassen wird, und sagt: »Schau, die Lokomotive macht Wiwi; wo hat sie denn den
Wiwimacher?« Später setzt er nachdenklich hinzu: »Ein Hund und ein Pferd hat einen
Wiwimacher; ein Tisch und ein Sessel nicht.« Vor kurzem hat er zugesehen, wie man sein
einwöchiges Schwesterchen badet, und dabei bemerkt: »Aber ihr Wiwimacher ist noch klein.
Wenn sie wächst, wird er schon größer werden.« (Dieselbe Stellung zum Problem der
Geschlechtsunterschiede ist mir auch von anderen Knaben gleichen Alters berichtet worden.) Ich
möchte ausdrücklich bestreiten, daß der kleine Hans ein sinnliches oder gar ein pathologisch
veranlagtes Kind sei; ich meine nur, er ist nicht eingeschüchtert worden, wird nicht vom
Schuldbewußtsein geplagt und gibt darum arglos von seinen Denkvorgängen Kunde[93].
Das zweite große Problem, welches dem Denken der Kinder – wohl erst in etwas späteren Jahren
– Aufgaben stellt, ist die Frage nach der Herkunft der Kinder, die zumeist an die unerwünschte
Erscheinung eines neuen kleinen Bruders oder Schwesterchens anknüpft. Es ist dies die älteste
und die brennendste Frage der jungen Menschheit; wer Mythen und Überlieferungen zu deuten
versteht, kann sie aus dem Rätsel heraushören, welches die thebaische Sphinx dem Ödipus
aufgibt. Durch die in der Kinderstube gebräuchlichen Antworten wird der ehrliche Forschertrieb
des Kindes verletzt, meist auch dessen Vertrauen zu seinen Eltern zum erstenmal erschüttert; von
da an beginnt es zumeist den Erwachsenen zu mißtrauen und seine intimsten Interessen vor ihnen
geheimzuhalten. Ein kleines Dokument mag zeigen, wie quälend sich gerade diese Wißbegierde
oft bei älteren Kindern gestaltet, der Brief eines mutterlosen, elfeinhalbjährigen Mädchens,
welches über das Problem mit seiner jüngeren Schwester spekuliert hat:
»Liebe Tante Mali!
Ich bitte Dich, sei so gut und schreibe mir, wie Du die Christel oder den Paul bekommen hast. Du
mußt es ja wissen, da Du verheiratet bist. Wir haben uns nämlich gestern abend darüber gestritten
und wünschen die Wahrheit zu wissen. Wir haben ja sonst niemanden, den wir fragen könnten.
Wann kommt Ihr denn nach Salzburg? Weißt Du, liebe Tante Mali, wir können halt nicht
begreifen, wie der Storch die Kinder bringt. Trudel hat geglaubt, der Storch bringt sie im Hemde.
Dann möchten wir auch wissen, ob er sie aus dem Teiche nimmt und warum man die Kinder nie
im Teich sieht. Ich bitte Dich, sag’ mir auch, wieso man vorher weiß, wann man sie bekommt.
Schreibe mir darüber ausführlich Antwort.
Mit tausend Grüßen und Küssen von uns allen
Deine neugierige Lilli.«
Ich glaube nicht, daß dieser rührende Brief den beiden Schwestern die geforderte Aufklärung
brachte. Die Schreiberin ist später an jener Neurose erkrankt, die sich von unbeantworteten
unbewußten Fragen ableitet, an Zwangsgrübelsucht[94].
Ich glaube nicht, daß nur ein einziger Grund vorliegt, um Kindern die Aufklärung, nach der ihre
Wißbegierde verlangt, zu verweigern. Freilich, wenn es die Absicht der Erzieher ist, die Fähigkeit
der Kinder zum selbständigen Denken möglichst frühzeitig zugunsten der so hochgeschätzten
»Bravheit« zu ersticken, so kann dies nicht besser als durch Irreführung auf sexuellem und durch
Einschüchterung auf religiösem Gebiete versucht werden. Die stärkeren Naturen widerstehen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin