Seite - 1208 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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allerdings diesen Beeinflussungen und werden zu Rebellen gegen die elterliche und später gegen
jede andere Autorität. Erhalten die Kinder jene Aufklärungen nicht, um die sie sich an Ältere
gewendet haben, so quälen sie sich im geheimen mit dem Problem weiter und bringen
Lösungsversuche zustande, in denen das geahnte Richtige auf die merkwürdigste Weise mit
grotesk Unrichtigem vermengt ist, oder sie flüstern einander Mitteilungen zu, in welchen zufolge
des Schuldbewußtseins der jugendlichen Forscher dem Sexualleben das Gepräge des Gräßlichen
und Ekelhaften aufgedrückt wird. Diese kindlichen Sexualtheorien wären wohl einer Sammlung
und Würdigung wert. Meist haben die Kinder von diesem Zeitpunkte an die einzig richtige
Stellung zu den Fragen des Geschlechts verloren, und viele unter ihnen finden sie überhaupt nicht
wieder.
Es scheint, daß die überwiegende Mehrheit männlicher und weiblicher Autoren, welche über die
sexuelle Aufklärung der Jugend geschrieben haben, sich im bejahenden Sinn entscheiden. Aber
aus dem Ungeschick der meisten Vorschläge, wann und wie dies zu geschehen hat, ist man
versucht zu schließen, daß dies Zugeständnis den Betreffenden nicht leicht geworden ist. Ganz
vereinzelt steht nach meiner Literaturkenntnis jener reizende Aufklärungsbrief da, den eine Frau
Emma Eckstein an ihren etwa zehnjährigen Sohn zu schreiben vorgibt[95]. Wie man es sonst
macht, daß man den Kindern die längste Zeit jede Kenntnis des Sexuellen vorenthält, um ihnen
dann einmal in schwülstig-feierlichen Worten eine auch nur halb aufrichtige Eröffnung zu
schenken, die überdies meist zu spät kommt, das ist offenbar nicht ganz das Richtige. Die
meisten Beantwortungen der Frage »Wie sag’s ich meinem Kinde?« machen mir wenigstens
einen so kläglichen Eindruck, daß ich vorziehen würde, wenn die Eltern sich überhaupt nicht um
die Aufklärung bekümmern würden. Es kommt vielmehr darauf an, daß die Kinder niemals auf
die Idee geraten, man wolle ihnen aus den Tatsachen des Geschlechtslebens eher ein Geheimnis
machen als aus anderem, was ihrem Verständnisse noch nicht zugänglich ist. Und um dies zu
erzielen, ist es erforderlich, daß das Geschlechtliche von allem Anfange an gleich wie anderes
Wissenswerte behandelt werde. Vor allem ist es Aufgabe der Schule, der Erwähnung des
Geschlechtlichen nicht auszuweichen, die großen Tatsachen der Fortpflanzung beim Unterrichte
über die Tierwelt in ihre Bedeutung einzusetzen und sogleich zu betonen, daß der Mensch alles
Wesentliche seiner Organisation mit den höheren Tieren teilt. Wenn dann das Haus nicht auf
Denkabschreckung hinarbeitet, wird es sich wohl öfter ereignen, was ich einmal in einer
Kinderstube belauscht habe, daß ein Knabe seinem jüngeren Schwesterchen vorhält: »Aber wie
kannst du denken, daß der Storch die kleinen Kinder bringt. Du weißt ja, daß der Mensch ein
Säugetier ist, und glaubst du denn, daß der Storch den anderen Säugetieren die Jungen bringt?«
Die Neugierde des Kindes wird dann nie einen hohen Grad erreichen, wenn sie auf jeder Stufe
des Lernens die entsprechende Befriedigung findet. Die Aufklärung über die spezifisch
menschlichen Verhältnisse des Geschlechtslebens und der Hinweis auf die soziale Bedeutung
desselben hätte sich dann am Schlusse des Volksschulunterrichtes (und vor Eintritt in die
Mittelschule), also nicht nach dem Alter von zehn Jahren, anzuschließen. Endlich würde sich der
Zeitpunkt der Konfirmation wie kein anderer dazu eignen, dem bereits über alles Körperliche
aufgeklärten Kinde die sittlichen Verpflichtungen, welche an die Ausübung des Triebes geknüpft
sind, darzulegen. Eine solche stufenweise fortschreitende und eigentlich zu keiner Zeit
unterbrochene Aufklärung über das Geschlechtsleben, zu welcher die Schule die Initiative
ergreift, erscheint mir als die einzige, welche der Entwicklung des Kindes Rechnung trägt und
darum die vorhandene Gefahr glücklich vermeidet.
Ich halte es für den bedeutsamsten Fortschritt in der Kindererziehung, daß der französische Staat
an Stelle des Katechismus ein Elementarbuch eingeführt hat, welches dem Kinde die ersten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin