Seite - 1211 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Das Material, auf welches die nachstehende Zusammenstellung sich stützt, stammt aus mehreren
Quellen. Erstens aus der unmittelbaren Beobachtung der Äußerungen und des Treibens der
Kinder, zweitens aus den Mitteilungen erwachsener Neurotiker, die während einer
psychoanalytischen Behandlung erzählen, was sie von ihrer Kinderzeit bewußt in Erinnerung
haben, und zum dritten Anteile aus den Schlüssen, Konstruktionen und ins Bewußte übersetzten
unbewußten Erinnerungen, die sich aus den Psychoanalysen mit Neurotikern ergeben.
Daß die erste dieser drei Quellen nicht für sich allein alles Wissenswerte geliefert hat, begründet
sich durch das Verhalten der Erwachsenen gegen das kindliche Sexualleben. Man mutet den
Kindern keine Sexualtätigkeit zu, gibt sich darum keine Mühe, eine solche zu beobachten, und
unterdrückt anderseits die Äußerungen derselben, die der Aufmerksamkeit würdig wären. Die
Gelegenheit, aus dieser lautersten und ergiebigsten Quelle zu schöpfen, ist daher eine recht
eingeschränkte. Was aus den unbeeinflußten Mitteilungen Erwachsener über ihre bewußten
Kindheitserinnerungen stammt, unterliegt höchstens der Einwendung der möglichen
Verfälschung in der Rückschau, wird aber außerdem nach dem Gesichtspunkte zu werten sein,
daß die Gewährspersonen später neurotisch geworden sind. Das Material der dritten Herkunft
wird allen Anfechtungen unterliegen, die man gegen die Verläßlichkeit der Psychoanalyse und
die Sicherheit der aus ihr gezogenen Schlüsse ins Feld zu führen pflegt; die Rechtfertigung dieses
Urteils kann also hier nicht versucht werden; ich will nur versichern, daß derjenige, welcher die
psychoanalytische Technik kennt und ausübt, ein weitgehendes Zutrauen zu ihren Ergebnissen
gewinnt.
Für die Vollständigkeit meiner Resultate kann ich nicht einstehen, bloß für die Sorgfalt, mit der
ich mich um ihre Gewinnung bemüht habe.
Eine schwierige Frage bleibt es zu entscheiden, inwieweit man das, was hier von den Kindern im
allgemeinen berichtet wird, von allen Kindern, das heißt von jedem einzelnen Kinde,
voraussetzen darf. Erziehungsdruck und verschiedene Intensität des Sexualtriebes werden gewiß
große individuelle Schwankungen im Sexualverhalten des Kindes ermöglichen, vor allem das
zeitliche Auftreten des kindlichen Sexualinteresses beeinflussen. Ich habe darum meine
Darstellung nicht nach aufeinanderfolgenden Kindheitsepochen gegliedert, sondern in einem
zusammengefaßt, was bei verschiedenen Kindern bald früher, bald später zur Geltung kommt. Es
ist meine Überzeugung, daß sich doch kein Kind – kein vollsinniges wenigstens oder gar geistig
begabtes – der Beschäftigung mit den sexuellen Problemen in den Jahren vor der Pubertät
entziehen kann.
Ich denke nicht groß von dem Einwurfe, daß die Neurotiker eine besondere, durch degenerative
Anlage ausgezeichnete Menschenklasse sind, aus deren Kinderleben auf die Kindheit anderer zu
schließen untersagt sein müßte. Die Neurotiker sind Menschen wie andere auch, von den
normalen nicht scharf abzugrenzen, in ihrer Kindheit nicht immer leicht von denjenigen, die
später gesund bleiben, zu unterscheiden. Es ist eines der wertvollsten Ergebnisse unserer
psychoanalytischen Untersuchungen, daß ihre Neurosen keinen besonderen, ihnen eigentümlich
und allein zukommenden psychischen Inhalt haben, sondern daß sie, wie C. G. Jung es ausdrückt,
an denselben Komplexen erkranken, mit denen auch wir Gesunde kämpfen. Der Unterschied ist
nur der, daß die Gesunden diese Komplexe zu bewältigen wissen ohne groben, praktisch
nachweisbaren Schaden, während den Nervösen die Unterdrückung dieser Komplexe nur um den
Preis von kostspieligen Ersatzbildungen gelingt, also praktisch mißlingt. Nervöse und Normale
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin