Seite - 1213 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ersten Rätselfrage glaubt man in unbestimmt vielen Rätseln des Mythus und der Sage zu
vernehmen; die Frage selbst ist, wie alles Forschen, ein Produkt der Lebensnot, als ob dem
Denken die Aufgabe gestellt würde, das Wiedereintreffen so gefürchteter Ereignisse zu verhüten.
Nehmen wir indes an, daß sich das Denken des Kindes alsbald von seiner Anregung frei macht
und als selbständiger Forschertrieb weiterarbeitet. Wo das Kind nicht bereits zu sehr
eingeschüchtert ist, schlägt es früher oder später den nächsten Weg ein, Antwort von seinen
Eltern und Pflegepersonen, die ihm die Quelle des Wissens bedeuten, zu verlangen. Dieser Weg
geht aber fehl. Das Kind erhält entweder ausweichende Antwort oder einen Verweis für seine
Wißbegierde oder wird mit jener mythologisch bedeutsamen Auskunft abgefertigt, die in
deutschen Landen lautet: Der Storch bringe die Kinder, die er aus dem Wasser hole. Ich habe
Grund anzunehmen, daß weit mehr Kinder, als die Eltern ahnen, mit dieser Lösung unzufrieden
sind und ihr energische Zweifel entgegensetzen, die nur nicht immer offen eingestanden werden.
Ich weiß von einem dreijährigen Knaben, der nach erhaltener Aufklärung zum Schrecken seiner
Kinderfrau vermißt wurde und sich am Ufer des großen Schloßteiches wiederfand, wohin er
geeilt war, um die Kinder im Wasser zu beobachten, von einem anderen, der seinem Unglauben
keine andere als die zaghafte Aussprache gestatten konnte, er wisse es besser, nicht der Storch
bringe die Kinder, sondern der – Fischreiher. Es scheint mir aus vielen Mitteilungen
hervorzugehen, daß die Kinder der Storchtheorie den Glauben verweigern, von dieser ersten
Täuschung und Abweisung an aber ein Mißtrauen gegen die Erwachsenen in sich nähren, die
Ahnung von etwas Verbotenem gewinnen, das ihnen von den »Großen« vorenthalten wird, und
darum ihre weiteren Forschungen mit Geheimnis verhüllen. Sie haben dabei aber auch den ersten
Anlaß eines »psychischen Konflikts« erlebt, indem Meinungen, für die sie eine triebartige
Bevorzugung empfinden, die aber den Großen nicht »recht« sind, in Gegensatz zu anderen
geraten, die durch die Autorität der »Großen« gehalten werden, ohne ihnen selbst genehm zu
sein. Aus diesem psychischen Konflikte kann bald eine »psychische Spaltung« werden; die eine
Meinung, mit der die Bravheit, aber auch die Sistierung des Nachdenkens verbunden ist, wird zur
herrschenden bewußten; die andere, für die die Forscherarbeit unterdes neue Beweise erbracht
hat, die nicht gelten sollen, zur unterdrückten, »unbewußten«. Der Kernkomplex der Neurose
findet sich auf diese Weise konstituiert.
Ich habe kürzlich durch die Analyse eines fünfjährigen Knaben, die dessen Vater mit ihm
angestellt und mir dann zur Veröffentlichung überlassen hat, den unwiderleglichen Nachweis für
eine Einsicht erhalten, auf deren Spur mich die Psychoanalysen Erwachsener längst geführt
hatten. Ich weiß jetzt, daß die Graviditätsveränderung der Mutter den scharfen Augen des Kindes
nicht entgeht und daß dieses sehr wohl imstande ist, eine Weile nachher den richtigen
Zusammenhang zwischen der Leibeszunahme der Mutter und dem Erscheinen des Kindes
herzustellen. In dem erwähnten Falle war der Knabe dreieinhalb Jahre alt, als seine Schwester
geboren wurde, und vierdreiviertel, als er sein besseres Wissen durch die unverkennbarsten
Anspielungen erraten ließ. Diese frühzeitige Erkenntnis wird aber immer geheimgehalten und
später im Zusammenhange mit den weiteren Schicksalen der kindlichen Sexualforschung
verdrängt und vergessen.
Die »Storchfabel« gehört also nicht zu den infantilen Sexualtheorien; es ist im Gegenteile die
Beobachtung der Tiere, die ihr Sexualleben so wenig verhüllen und denen sich das Kind so
verwandt fühlt, die den Unglauben des Kindes bestärkt. Mit der Erkenntnis, das Kind wachse im
Leibe der Mutter, die das Kind noch selbständig erwirbt, wäre es auf dem richtigen Wege, das
Problem, an dem es zuerst seine Denkkraft erprobt, zu lösen. Im weiteren Fortschreiten wird es
aber gehemmt durch eine Unwissenheit, die sich nicht ersetzen läßt, und durch falsche Theorien,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin