Seite - 2610 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Patient den Analytiker an die Stelle seines Vaters (seiner Mutter), so räumt er ihm auch die
Macht ein, die sein Über-Ich über sein Ich ausübt, denn diese Eltern sind ja der Ursprung des
Über-Ichs gewesen. Das neue Über-Ich hat nun Gelegenheit zu einer Art von Nacherziehung des
Neurotikers, es kann Mißgriffe korrigieren, die sich die Eltern in ihrer Erziehung zuschulden
kommen ließen. Hier setzt allerdings die Warnung ein, den neuen Einfluß nicht zu mißbrauchen.
Sosehr es den Analytiker verlocken mag, Lehrer, Vorbild und Ideal für andere zu werden,
Menschen nach seinem Vorbild zu schaffen, er darf nicht vergessen, daß dies nicht seine Aufgabe
im analytischen Verhältnis ist, ja daß er seiner Aufgabe untreu wird, wenn er sich von seiner
Neigung fortreißen läßt. Er wiederholt dann nur einen Fehler der Eltern, die die Unabhängigkeit
des Kindes durch ihren Einfluß erdrückt hatten, ersetzt nur die frühere Abhängigkeit durch eine
neuere. Der Analytiker soll aber bei allen Bemühungen zu bessern und zu erziehen die Eigenart
des Patienten respektieren. Das Maß von Beeinflussung, dessen er sich legitimerweise getraut,
wird durch den Grad der Entwicklungshemmung bestimmt werden, den er bei dem Patienten
vorfindet. Manche Neurotiker sind so infantil geblieben, daß sie auch in der Analyse nur wie
Kinder behandelt werden können.
Ein anderer Vorteil der Übertragung ist noch, daß der Patient uns in ihr mit plastischer
Deutlichkeit ein wichtiges Stück seiner Lebensgeschichte vorführt, über das er uns
wahrscheinlich sonst nur ungenügende Auskunft gegeben hätte. Er agiert gleichsam vor uns,
anstatt uns zu berichten.
Und nun zur anderen Seite des Verhältnisses. Da die Übertragung die Beziehung zu den Eltern
reproduziert, übernimmt sie auch deren Ambivalenz. Es ist kaum zu vermeiden, daß die positive
Einstellung zum Analytiker eines Tages in die negative, feindselige umschlägt. Auch diese ist
gewöhnlich eine Wiederholung der Vergangenheit. Die Gefügigkeit gegen den Vater (wenn es
sich um ihn handelte), das Werben um seine Gunst wurzelte in einem erotischen auf seine Person
gerichteten Wunsch. Irgendeinmal drängt sich dieser Anspruch auch in der Übertragung hervor
und besteht auf Befriedigung. Er kann in der analytischen Situation nur auf Versagung stoßen.
Reale sexuelle Beziehungen zwischen Patienten und Analytiker sind ausgeschlossen, auch die
feineren Weisen der Befriedigung wie Bevorzugung, Intimität usw. werden vom Analytiker nur
in spärlichem Ausmaß gewährt. Solche Verschmähung wird zum Anlaß der Umwandlung
genommen, wahrscheinlich ging dasselbe in der Kindheit des Patienten vor sich.
Die Heilerfolge, die unter der Herrschaft der positiven Übertragung zustande kamen, stehen im
Verdacht, suggestiver Natur zu sein. Gewinnt die negative Übertragung die Oberhand, so werden
sie wie Spreu vor dem Wind hinweggeweht. Man merkt mit Schrecken, daß alle Mühe und Arbeit
bisher vergeblich war. Ja, auch was man für einen bleibenden intellektuellen Gewinn des
Patienten halten durfte, sein Verständnis für die Psychoanalyse, sein Vertrauen in deren
Wirksamkeit sind plötzlich verschwunden. Er benimmt sich wie das Kind, das kein eigenes Urteil
hat, das blind dem glaubt, dem seine Liebe gehört, und keinem Fremden. Offenbar besteht die
Gefahr dieser Übertragungszustände darin, daß der Patient ihre Natur verkennt und sie für neue
reale Erlebnisse hält anstatt für Spiegelungen der Vergangenheit. Verspürt er (oder sie) das starke
erotische Bedürfnis, das sich hinter der positiven Übertragung birgt, so glaubt er, sich
leidenschaftlich verliebt zu haben; schlägt die Übertragung um, so hält er sich für beleidigt und
vernachlässigt, haßt den Analytiker als seinen Feind und ist bereit, die Analyse aufzugeben. In
beiden extremen Fällen hat er den Vertrag vergessen, den er zu Eingang der Behandlung
angenommen hatte, ist er für die Fortsetzung der gemeinsamen Arbeit unbrauchbar geworden.
Der Analytiker hat die Aufgabe, den Patienten jedesmal aus der gefahrdrohenden Illusion zu
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin