Seite - 2611 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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reißen, ihm immer wieder zu zeigen, daß es eine Spiegelung der Vergangenheit ist, was er für ein
neues reales Leben hält. Und damit er nicht in einen Zustand gerate, der ihn unzugänglich für alle
Beweismittel macht, sorgt man dafür, daß weder die Verliebtheit noch die Feindseligkeit eine
extreme Höhe erreichen. Man tut dies, indem man ihn frühzeitig auf diese Möglichkeiten
vorbereitet und deren erste Anzeichen nicht unbeachtet läßt. Solche Sorgfalt in der Handhabung
der Übertragung pflegt sich reichlich zu lohnen. Gelingt es, wie zumeist, den Patienten über die
wirkliche Natur der Übertragungsphänomene zu belehren, so hat man seinem Widerstand eine
mächtige Waffe aus der Hand geschlagen, Gefahren in Gewinne verwandelt, denn was der
Patient in den Formen der Übertragung erlebt hat, das vergißt er nicht wieder, das hat für ihn
stärkere Überzeugungskraft als alles auf andere Art Erworbene.
Es ist uns sehr unerwünscht, wenn der Patient außerhalb der Übertragung agiert, anstatt zu
erinnern; das für unsere Zwecke ideale Verhalten wäre, wenn er sich außerhalb der Behandlung
möglichst normal benähme und seine abnormen Reaktionen nur in der Übertragung äußerte.
Unser Weg, das geschwächte Ich zu stärken, geht von der Erweiterung seiner Selbsterkenntnis
aus. Wir wissen, dies ist nicht alles, aber es ist der erste Schritt. Der Verlust an solcher Kenntnis
bedeutet für das Ich Einbuße an Macht und Einfluß, er ist das nächste greifbare Anzeichen dafür,
daß es von den Anforderungen des Es und des Über-Ichs eingeengt und behindert ist. Somit ist
das erste Stück unserer Hilfeleistung eine intellektuelle Arbeit von unserer Seite und eine
Aufforderung zur Mitarbeit daran für den Patienten; Wir wissen, diese erste Tätigkeit soll uns den
Weg bahnen zu einer anderen, schwierigeren Aufgabe. Wir werden den dynamischen Anteil
derselben auch während der Einleitung nicht aus den Augen verlieren. Den Stoff für unsere
Arbeit gewinnen wir aus verschiedenen Quellen, aus dem, was uns seine Mitteilungen und freien
Assoziationen andeuten, was er uns in seinen Übertragungen zeigt, was wir aus der Deutung
seiner Träume entnehmen, was er durch seine Fehlleistungen verrät. All das Material verhilft uns
zu Konstruktionen über das, was mit ihm vorgegangen ist und was er vergessen hat, wie über das,
was jetzt in ihm vorgeht, ohne daß er es versteht. Wir versäumen dabei aber nie, unser Wissen
und sein Wissen strenge auseinanderzuhalten. Wir vermeiden es, ihm, was wir oft sehr frühzeitig
erraten haben, sofort mitzuteilen oder ihm alles mitzuteilen, was wir glauben erraten zu haben.
Wir überlegen uns sorgfältig, wann wir ihn zum Mitwisser einer unserer Konstruktionen machen
sollen, warten einen Moment ab, der uns der geeignete zu sein scheint, was nicht immer leicht zu
entscheiden ist. In der Regel verzögern wir die Mitteilung einer Konstruktion, die Aufklärung, bis
er sich selbst derselben so weit genähert hat, daß ihm nur ein Schritt, allerdings die entscheidende
Synthese, zu tun übrigbleibt. Würden wir anders verfahren, ihn mit unseren Deutungen
überfallen, ehe er für sie vorbereitet ist, so bliebe die Mitteilung entweder erfolglos, oder sie
würde einen heftigen Ausbruch von Widerstand hervorrufen, der die Fortsetzung der Arbeit
erschweren oder selbst in Frage stellen könnte. Haben wir aber alles richtig vorbereitet, so
erreichen wir oft, daß der Patient unsere Konstruktion unmittelbar bestätigt und den vergessenen
inneren oder äußeren Vorgang selbst erinnert. Je genauer sich die Konstruktion mit den
Einzelheiten des Vergessenen deckt, desto leichter wird ihm seine Zustimmung. Unser Wissen in
diesem Stück ist dann auch sein Wissen geworden.
Mit der Erwähnung des Widerstandes sind wir an den zweiten wichtigeren Teil unserer Aufgabe
herangekommen. Wir haben schon gehört, daß sich das Ich gegen das Eindringen unerwünschter
Elemente aus dem unbewußten und verdrängten Es durch Gegenbesetzungen schützt, deren
Intaktheit eine Bedingung seiner normalen Funktion ist. Je bedrängter sich das Ich nun fühlt,
desto krampfhafter beharrt es, gleichsam verängstigt, auf diesen Gegenbesetzungen, um seinen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin