Seite - 2626 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 2626 -
Text der Seite - 2626 -
[12] H. Silberer hat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich selbst abstrakte Gedanken im
Zustande der Schläfrigkeit in anschaulich-plastische Bilder umsetzen, die das nämliche
ausdrücken wollen (1909). Ich werde auf diese Befunde in anderem Zusammenhange
zurückkommen.
[13] Einen ähnlichen Versuch wie Delboeuf, die Traumtätigkeit zu erklären durch die
Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der sonst korrekten Funktion des
intakten seelischen Apparats zur Folge haben muß, hat Haffner (1887, 243) unternommen, diese
Bedingung aber in etwas anderen Worten beschrieben. Das erste Kennzeichen des Traums ist
nach ihm die Ort- und Zeitlosigkeit, d. i. die Emanzipation der Vorstellung von der dem
Individuum zukommenden Stelle in der örtlichen und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet
sich der zweite Grundcharakter des Traums, die Verwechslung der Halluzinationen,
Imaginationen und Phantasiekombinationen mit äußeren Wahrnehmungen. »Da die Gesamtheit
der höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffsbildung, Urteil und Schlußfolgerung einerseits
und die freie Selbstbestimmung anderseits, an die sinnlichen Phantasiebilder sich anschließen
und diese jederzeit zur Unterlage haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der Regellosigkeit
der Traumvorstellungen teil. Sie nehmen teil, sagen wir, denn an und für sich ist unsere
Urteilskraft, wie unsere Willenskraft, im Schlafe in keiner Weise alteriert. Wir sind der Tätigkeit
nach ebenso scharfsinnig und ebenso frei wie im wachen Zustande. Der Mensch kann auch im
Traume nicht gegen die Denkgesetze an sich verstoßen, d. h. nicht das ihm als entgegengesetzt
sich Darstellende identisch setzen usw. Er kann auch im Traume nur das begehren, was er als ein
Gutes sich vorstellt (sub ratione boni). Aber in dieser Anwendung der Gesetze des Denkens und
Wollens wird der menschliche Geist im Traume irregeführt durch die Verwechslung einer
Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, daß wir im Traum die größten Widersprüche setzen
und begehen, während wir anderseits die scharfsinnigsten Urteilsbildungen und die
konsequentesten Schlußfolgerungen vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten
Entschließungen fassen können. Mangel an Orientierung ist das ganze Geheimnis des Fluges, mit
welchem unsere Phantasie im Traume sich bewegt, und Mangel an kritischer Reflexion, sowie an
Verständigung mit anderen, ist die Hauptquelle der maßlosen Extravaganzen unserer Urteile wie
unserer Hoffnungen und Wünsche im Traum.«
[14] Man vergleiche hiezu das »désintérêt«, in dem Claparede (1905) den Mechanismus des
Einschlafens findet.
[15] An späterer Stelle wird uns der Sinn solcher Träume, die von Worten mit gleichen
Anfangsbuchstaben und ähnlichem Anlaute erfüllt sind, zugänglich werden.
[16] Vgl. Haffner (1887) und Spitta (1882).
[17] Der geistreiche Mystiker Du Prel, einer der wenigen Autoren, denen ich die
Vernachlässigung in früheren Auflagen dieses Buches abbitten möchte, äußert, nicht das
Wachen, sondern der Traum sei die Pforte zur Metaphysik, soweit sie den Menschen betrifft
(1885, 59).
[18] Weitere Literatur und kritische Erörterung dieser Probleme in der Pariser Dissertation der
Tobowolska (1900).
[19] Vgl. die Kritik bei H. Ellis (1911, 268).
2626
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin