Seite - 2632 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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die Berücksichtigung des Alters; daß nicht eine ältere Frau einem ganz jungen Burschen …
(Gemurmel); das wäre entsetzliche – Der Stabsarzt: ›Ich verstehe vollkommen.‹ Einige Offiziere,
darunter einer, der sich in jungen Jahren um sie beworben hatte, lachen hell auf, und die Dame
wünscht zu dem ihr bekannten Oberarzt geführt zu werden, damit alles ins reine gebracht werde.
Dabei fällt ihr zur größten Bestürzung ein, daß sie seinen Namen nicht kennt. Der Stabsarzt weist
sie trotzdem sehr höflich und respektvoll an, über eine sehr schmale eiserne Wendeltreppe, die
direkt von dem Zimmer aus in die oberen Stockwerke führt, in den zweiten Stock zu gehen. Im
Hinaufsteigen hört sie einen Offizier sagen: ›Das ist ein kolossaler Entschluß, gleichgültig, ob
eine jung oder alt ist; alle Achtung!‹
Mit dem Gefühle, einfach ihre Pflicht zu tun, geht sie eine endlose Treppe hinauf.
Dieser Traum wiederholt sich innerhalb weniger Wochen noch zweimal mit – wie die Dame
bemerkt – ganz unbedeutenden und recht sinnlosen Abänderungen.«
[49] Solche heuchlerische Träume sind weder bei mir noch bei anderen seltene Vorkommnisse.
Während ich mit der Bearbeitung eines gewissen wissenschaftlichen Problems beschäftigt bin,
sucht mich mehrere Nächte kurz nacheinander ein leicht verwirrender Traum heim, der die
Versöhnung mit einem längst beiseite geschobenen Freunde zum Inhalt hat. Beim vierten oder
fünften Male gelingt es mir endlich, den Sinn dieser Träume zu erfassen. Er liegt in der
Aufmunterung, doch den letzten Rest von Rücksicht für die betreffende Person aufzugeben, sich
von ihr völlig frei zu machen, und hatte sich in so heuchlerischer Weise ins Gegenteil verkleidet.
Von einer Person habe ich einen »heuchlerischen Ödipustraum« mitgeteilt, in dem sich die
feindseligen Regungen und Todeswünsche der Traumgedanken durch manifeste Zärtlichkeit
ersetzen. (»Typisches Beispiel eines verkappten Ödipustraumes.«) Eine andere Art von
heuchlerischen Träumen wird an anderer Stelle (siehe Abschnitt VI ›Die Traumarbeit‹) erwähnt
werden.
[50] Späterhin werden wir auch den Fall kennenlernen, daß im Gegenteile der Traum einen
Wunsch dieser zweiten Instanz zum Ausdruck bringt.
[51] Dem Maler sitzen.
Goethe:
»Und wenn er keinen Hintern hat,
Wie kann der Edle sitzen?«
[52] Ich bedaure selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der Psychopathologie der Hysterie,
welche, infolge ihrer fragmentarischen Darstellung und aus allem Zusammenhang gerissen, doch
nicht sehr aufklärend wirken können. Wenn sie auf die innigen Beziehungen des Themas vom
Traum zu den Psychoneurosen hinzuweisen vermögen, so haben sie die Absicht erfüllt, in der ich
sie aufgenommen habe.
[53] Ähnlich wie im Traum vom vereitelten Souper der geräucherte Lachs.
[54] Es ereignet sich häufig, daß ein Traum unvollständig erzählt wird und daß erst während der
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin