Seite - 2634 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Traummaterials ergäbe sich eine neue Quelle. Ich habe nun neuerdings einige Untersuchungen an
eigenen Träumen angestellt, um die Anwendbarkeit der »Periodenlehre« auf das Traummaterial
zu prüfen, und habe hiezu besonders auffällige Elemente des Trauminhaltes gewählt, deren
Auftreten im Leben sich zeitlich mit Sicherheit bestimmen ließ.
I. Traum vom 1./2. Oktober 1910.
(Bruchstück) … Irgendwo in Italien. Drei Töchter zeigen mir kleine Kostbarkeiten, wie in einem
Antiquarladen, setzen sich mir dabei auf den Schoß. Bei einem der Stücke sage ich: Das haben
Sie ja von mir. Ich sehe dabei deutlich eine kleine Profilmaske mit den scharfgeschnittenen Zügen
Savonarolas.
Wann habe ich zuletzt das Bild Savonarolas gesehen? Ich war nach dem Ausweis meines
Reisetagebuches am 4. und 5. September in Florenz; dort dachte ich daran, meinem
Reisebegleiter das Medaillon mit den Zügen des fanatischen Mönches im Pflaster der Piazza
Signoria an der Stelle, wo er den Tod durch Verbrennen fand, zu zeigen, und ich meine, am 3.,
vormittags, machte ich ihn auf dasselbe aufmerksam. Von diesem Eindruck bis zur Wiederkehr
im Traume sind allerdings 27+1 Tage verflossen, eine »weibliche Periode«, nach Fließ. Zum
Unglück für die Beweiskraft dieses Beispiels muß ich aber erwähnen, daß an dem Traumtage
selbst der tüchtige, aber düster blickende Kollege bei mir war (das erstemal seit meiner
Rückkunft), für den ich vor Jahren schon den Scherznamen »Rabbi Savonarola« aufgebracht
habe. Er stellte mir einen Unfallkranken vor, der in dem Pontebbazug verunglückt war, in dem
ich selbst acht Tage vorher gereist war, und leitete so meine Gedanken zur letzten Italienreise
zurück. Das Erscheinen des auffälligen Elementes »Savonarola« im Trauminhalt ist durch diesen
Besuch des Kollegen am Traumtage aufgeklärt, das achtundzwanzigtägige Intervall wird seiner
Bedeutung für dessen Herleitung verlustig.
II. Traum vom 10./11. Oktober.
Ich arbeite wieder einmal Chemie im Universitätslaboratorium. Hofrat L. lädt mich ein, an einen
Ort zu kommen, und geht auf dem Korridor voran, eine Lampe oder sonst ein Instrument wie
scharfsinnig(?) (scharfsichtig?) in der erhobenen Hand vor sich hintragend, in eigentümlicher
Haltung mit vorgestrecktem Kopf. Wir kommen dann über einen freien Platz … (Rest vergessen).
Das Auffälligste in diesem Trauminhalt ist die Art, wie Hofrat L. die Lampe (oder Lupe) vor sich
hinträgt, das Auge spähend in die Weite gerichtet. L. habe ich viele Jahre lang nicht mehr
gesehen, aber ich weiß jetzt schon, er ist nur eine Ersatzperson für einen anderen, größeren, für
den Archimedes nahe bei der Arethusaquelle in Syrakus, der genauso wie er im Traume dasteht
und so den Brennspiegel handhabt, nach dem Belagerungsheer der Römer spähend. Wann habe
ich dieses Denkmal zuerst (und zuletzt) gesehen? Nach meinen Aufzeichnungen war es am
17. September abends, und von diesem Datum bis zum Traume sind tatsächlich 13 + 10 =
23 Tage verstrichen, eine »männliche Periode« nach Fließ.
Leider hebt das Eingehen auf die Deutung des Traumes auch hier ein Stück von der
Unerläßlichkeit dieses Zusammenhangs auf. Der Traumanlaß war die am Traumtag erhaltene
Nachricht, daß die Klinik, in deren Hörsaal ich als Gast meine Vorlesungen abhalte, demnächst
anderswohin verlegt werden solle. Ich nahm an, daß die neue Lokalität sehr unbequem gelegen
sei, sagte mir, es werde dann sein, als ob ich überhaupt keinen Hörsaal zur Verfügung habe, und
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin