Seite - 2642 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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hat mir den Einwand gemacht, den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, »daß der
Träumer oft zu witzig erscheine«. Das ist richtig, solange es nur auf den Träumer bezogen wird,
involviert einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den Traumdeuter übergreifen soll. In der wachen
Wirklichkeit kann ich wenig Anspruch auf das Prädikat »witzig« erheben; wenn meine Träume
witzig erscheinen, so liegt es nicht an meiner Person, sondern an den eigentümlichen
psychologischen Bedingungen, unter denen der Traum gearbeitet wird, und hängt mit der Theorie
des Witzigen und Komischen intim zusammen. Der Traum wird witzig, weil ihm der gerade und
nächste Weg zum Ausdruck seiner Gedanken gesperrt ist; er wird es notgedrungen. Die Leser
können sich überzeugen, daß Träume meiner Patienten den Eindruck des Witzigen (Witzelnden)
im selben und im höheren Grade machen wie die meinen. – Immerhin gab mir dieser Vorwurf
Anlaß, die Technik des Witzes mit der Traumarbeit zu vergleichen, was in dem 1905
veröffentlichten Buche Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten geschehen ist.
[118] Lasker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der beim Weib erworbenen
Infektion (Lues); Lassalle, wie bekannt, im Duell wegen einer Dame.
[119] Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne mit übrigens intakten und
hochentwickelten intellektuellen Funktionen fand ich unlängst die einzige Ausnahme von dieser
Regel. Die Reden, die in seinen Traumen vorkamen, stammten nicht von gehörten oder selbst
gehaltenen Reden ab, sondern entsprachen .dem unentstellten Wortlaute seiner Zwangsgedanken,
die ihm im Wachen nur abgeändert zum Bewußtsein kamen.
[120] Psychische Intensität, Wertigkeit, Interessebetonung einer Vorstellung ist natürlich von
sinnlicher Intensität, Intensität des Vorgestellten, gesondert zu halten.
[121] Da ich die Zurückführung der Traumentstellung auf die Zensur als den Kern meiner
Traumauffassung bezeichnen darf, schalte ich hier das letzte Stück jener Erzählung ›Träumen wie
Wachen‹ aus den Phantasien eines Realisten von »Lynkeus« (Wien, 2. Aufl., 1900) ein, in dem
ich diesen Hauptcharakter meiner Lehre wiederfinde:
»Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals Unsinn zu träumen.« – – – –
»›Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, beruht auf deinen Tugenden, auf
deiner Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheitsliebe; es ist die moralische Klarheit deiner
Natur, die mir alles an dir verständlich macht.‹
›Wenn ich es aber recht bedenke‹, erwiderte der andere, ›so glaube ich beinahe, alle Menschen
seien so wie ich beschaffen und gar niemand träume jemals Unsinn! Ein Traum, an den man sich
so deutlich erinnert, daß man ihn nacherzählen kann, der also kein Fiebertraum ist, hat immer
Sinn, und es kann auch gar nicht anders sein! Denn was miteinander in Widerspruch steht, könnte
sich ja nicht zu einem Ganzen gruppieren. Daß Zeit und Raum oft durcheinandergerüttelt werden,
benimmt dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, denn sie sind beide gewiß ohne Bedeutung
für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. Wir machen es ja oft im Wachen auch so; denke an das
Märchen, an so viele kühne und sinnvolle Phantasiegebilde, zu denen nur ein Unverständiger
sagen würde: »Das ist widersinnig! Denn das ist nicht möglich.«‹
›Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie du das eben mit dem meinen
getan hast!‹ sagte der Freund.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin