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Kapitel V) hat Eduard v. Hartmann das Gesetz der von unbewußten Zielvorstellungen geleiteten
Ideenassoziation mit klaren Worten ausgesprochen, ohne sich jedoch der Tragweite dieses
Gesetzes bewußt zu sein. Ihm ist es darum zu tun, zu erweisen, daß ›jede Kombination sinnlicher
Vorstellungen, wenn sie nicht rein dem Zufall anheimgestellt wird, sondern zu einem bestimmten
Ziele führen soll, der Hilfe des Unbewußten bedarf‹ und daß das bewußte Interesse an einer
bestimmten Gedankenverbindung ein Antrieb für das Unbewußte ist, unter den unzähligen
möglichen Vorstellungen die zweckentsprechende herauszufinden. ›Es ist das Unbewußte,
welches den Zwecken des Interesses gemäß wählt: und das gilt für die Ideenassoziation beim
abstrakten Denken als sinnlichem Vorstellen oder künstlerischem Kombinieren und beim
witzigen Einfall‹. Daher ist eine Einschränkung der Ideenassoziation auf die hervorrufende und
die hervorgerufene Vorstellung im Sinne der reinen Assoziationspsychologie nicht
aufrechtzuerhalten. Eine solche Einschränkung wäre ›nur dann tatsächlich gerechtfertigt, wenn
Zustände im menschlichen Leben vorkommen, in denen der Mensch nicht nur von jedem
bewußten Zweck, sondern auch von der Herrschaft oder Mitwirkung jedes unbewußten
Interesses, jeder Stimmung frei ist. Dies ist aber ein kaum jemals vorkommender Zustand, denn
auch, wenn man seine Gedankenfolge anscheinend völlig dem Zufall anheimgibt oder wenn man
sich ganz den unwillkürlichen Träumen der Phantasie überläßt, so walten doch immer zu der
einen Stunde andere Hauptinteressen, maßgebende Gefühle und Stimmungen im Gemüt als zu der
anderen, und diese werden allemal einen Einfluß auf die Ideenassoziation üben‹. (Ibid., Bd. 1,
246.) Bei halb-unbewußten Träumen kommen immer nur solche Vorstellungen, die dem
augenblicklichen (unbewußten) Hauptinteresse entsprechen (loc. cit.). Die Hervorhebung des
Einflusses der Gefühle und Stimmungen auf die freie Gedankenfolge läßt nun das methodische
Verfahren der Psychoanalyse auch vom Standpunkte der Hartmannschen Psychologie als
durchaus gerechtfertigt erscheinen.« (N. E. Pohorilles, 1913.) – Du Prel schließt aus der Tatsache,
daß ein Name, auf den wir uns vergeblich besinnen, uns oft plötzlich wieder unvermittelt einfällt,
es gebe ein unbewußtes und dennoch zielgerichtetes Denken, dessen Resultat alsdann ins
Bewußtsein tritt (1885, 107).
[211] Vgl. hiezu die glänzende Bestätigung dieser Behauptung, die C.
G. Jung durch Analysen
bei Dementia praecox erbracht hat (1907).
[212] Dieselben Erwägungen gelten natürlich auch für den Fall, daß die oberflächlichen
Assoziationen im Trauminhalt bloßgelegt werden, wie z. B. in den beiden von Maury mitgeteilten
Träumen (S. 82: pélerinage – Pelletier – pelle; Kilometer – Kilogramm – Gilolo – Lobelia –
Lopez – Lotto). Aus der Arbeit mit Neurotikern weiß ich, welche Reminiszenz sich so
darzustellen liebt. Es ist das Nachschlagen im Konversationslexikon (Lexikon überhaupt), aus
dem ja die meisten in der Zeit der Pubertätsneugierde ihr Bedürfnis nach Aufklärung der
sexuellen Rätsel gestillt haben.
[213] Die hier vorgetragenen, damals sehr unwahrscheinlich klingenden Sätze haben später durch
die »diagnostischen Assoziationsstudien« Jungs und seiner Schüler eine experimentelle
Rechtfertigung und Verwertung erfahren.
[214] Ich habe später gemeint, das Bewußtsein entstehe geradezu an Stelle der Erinnerungsspur.
(Siehe zuletzt: ›Notiz über den »Wunderblock«‹, 1925 a.)
[215] Die weitere Ausführung dieses linear aufgerollten Schemas wird mit der Annahme zu
rechnen haben, daß das auf Vbw folgende System dasjenige ist, dem wir das Bewußtsein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin