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Auch die Art der russischen Intervention in Syrien lässt weder die behaupteten huma-
nitären Motive noch eine völkerrechtsstabilisierende Strategie erkennen. Dafür bietet
sie aber einen guten Einblick in Russlands Weltordnungspolitik: Der Einsatz in Syrien
ist in Russland unpopulär; eigene Verluste sollen daher auf ein Minimum reduziert
und der Krieg aus der Luft und mit Hilfe von Söldnern geführt werden. Leidtragende
der Bombenkampagnen ist die Zivilbevölkerung. Der Kampf gegen den Islamischen
Staat bildet dagegen nur einen Nebenkriegsschauplatz. Auch in den Vereinten Natio-
nen zeigt Russland kein stabilisierendes Verhalten: Es blockierte mit seinem Veto
(zusammen mit China) etliche Resolutionen im Sicherheitsrat zur internationalen
Schutzverantwortung in Syrien oder, wie im Dezember 2019, zur Ermöglichung
humanitärer Hilfe für die syrische Zivilbevölkerung und beteiligte sich an völker-
rechtswidrigen Bombardements von Schulen und Krankenhäusern. Darüber hinaus
torpedierte Russland in der Organisation für das Verbot chemischer Waff
en (OPCW)
die Möglichkeiten zur Benennung der Verantwortlichen von Chemiewaff
eneinsätzen
im syrischen Konfl ikt und darüber hinaus → 42 /132.
In der Konfl iktregion wird die Rolle Russlands aber anders wahrgenommen. Russland
ist es scheinbar gelungen, ein Netz von guten Beziehungen zu den relevanten Akteuren
aufzubauen, obwohl diese sich feindlich gegenüberstehen. Mit Iran besteht ein zweck-
mäßiges Nebeneinander, mit dem Irak ein Abkommen über geheimdienstliche Zusam-
menarbeit. Eng sind die militärischen Absprachen mit Israel, die es der israelischen
Luftwaff
e erlauben, Stellungen der Quds-Brigaden und der syrischen Armee weiterhin
anzugreifen. Auch mit der Türkei knüpft Russland trotz unterschiedlicher Interessen
und dramatischer Zwischenfälle wie dem Abschuss des russischen Kampffl
ugzeuges
und des türkischen Einmarsches in die nordwestsyrische Provinz Idlib immer engere
militärische, energiewirtschaftliche und diplomatische Bande, die bis zum Ausschei-
den der Türkei aus der NATO führen könnten. Ein Schritt auf diesem Wege ist der
Kauf russischer S-400 Luftabwehrsysteme, der den türkischen Ausschluss aus dem
amerikanischen F-35 Kampffl
ugzeugprogramm zur Folge hatte. Gleichzeitig vertiefte Russlands Interven-
tions- und Sicherheits-
politik destabilisiert
das Völkerrecht
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Im November 2019 wurde der OPCW-Haushalt für
2020 von der Konferenz der Vertragsstaaten mit
einer Mehrheit von 106 Stimmen verabschiedet. 19
Staaten, darunter Russland, die VR China und Syrien
stimmten gegen den Haushalt. Grund dafür war die
Budgetierung des Investigation and Identifi cation
Teams (IIT), das Hinweisen auf die Verantwortlichen für Chemiewaff
eneinsätze in Syrien nachgehen soll.
Diese zehnköpfi
ge Gruppe arbeitet unter der Verant-
wortung des Technischen Sekretariats der OPCW. Sie
trat 2019 an die Stelle des OPCW-UN Joint Investi-
gative Mechanism (JIM), dessen Mandat aufgrund
mehrerer russischer Vetos im Sicherheitsrat der VN
Ende 2017 endete.
42 Russlands Verhalten in der OPCW
2020 / Wer ordnet die Welt? Neue Mächte und alte Institutionen / INSTITUTIONELLE FRIEDENSSICHERUNG
Friedensgutachten 2020
Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
- Titel
- Friedensgutachten 2020
- Untertitel
- Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5381-0
- Abmessungen
- 21.0 x 28.5 cm
- Seiten
- 162
- Schlagwörter
- Frieden, Bewaffnete Konflikte, Sicherheit, Internationale Politik, Entwicklungszusammenarbeit, Krieg, Gewalt, Politik, Konfliktforschung, Globalisierung, Politikwissenschaft
- Kategorie
- Recht und Politik