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SCHLUSSFOLGERUNGEN
Die Großmächte bauen die internationale Ordnung um. Die USA ziehen sich nicht nur aus
Institutionen zurück, sie legen selbst die Axt an die internationale Ordnung, die sie mitge-
schaffen haben. China setzt auf institutionelles Engagement, um seine politischen Inte-
ressen durchzusetzen. Die Seidenstraße sichert diese institutionelle Strategie ab: Über
sie knüpft China in allen Weltregionen kooperative Verbindungen, stabilisiert darüber das
Wirtschaftswachstum und sichert sich politisches Entgegenkommen.
Russland geht rigoroser vor, indem es Institutionen missachtet und Fakten schafft. Das liegt
daran, dass Russland die ökonomischen Möglichkeiten fehlen, um subtiler vorzugehen, aber
es verfolgt auch keine Weltordnungsstrategie, sondern will Handlungsfreiheiten und Gel-
tung als Großmacht zurückerobern.
Deswegen ist es nicht unbedingt schlecht um die Friedensfähigkeit der internationalen
Ordnung bestellt: China und Russland haben auf lange Sicht selbst ein Interesse an einer
stabilen internationalen Rechtsordnung, wenngleich weniger in innerstaatliche Belange
eingreifend und mit Menschenrechten verbunden als die gegenwärtige. Was heißt das für
die deutsche und vor allem die europäische Außenpolitik?
Europa braucht einen strategischen Diskurs über Kernnormen und einen langen Atem. Nicht
jede Ordnung taugt als Friedensordnung. Aus europäischer Sicht muss es um eine regelba-
sierte Ordnung gehen, die Rechte absichert. Um eine solche zu erhalten oder in eine neue
multilaterale Ordnung zu überführen, muss Europa den Kernbestand einer unhintergehba-
ren internationalen Rechtsordnung identifizieren und bewerben.
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134 weitere Flüchtlingsströme verhindern. Sie unterstützt gezielt einzelne dschihadisti-
sche Gruppen, damit diese nicht zu einer Gefahr für die Türkei werden. Russland will
hingegen alle als Terroristen bezeichneten Gruppen militärisch besiegen und die volle
Kontrolle der syrischen Regierung über ihr Territorium wiederherstellen. Zugleich hat
Russland keine Ressourcen oder belastbaren Prozesse für eine Nachkriegsordnung in
Syrien vorzuweisen, sondern hat gerade diese verhindert, indem es Akteure gegenein-
ander ausspielte und internationale Institutionen blockierte.
Angesichts der asymmetrischen Kooperation mit China, der anhaltenden Rivalität
mit den USA und den Grenzen der Obstruktionspolitik dürfte Russland seine Inter-
essen langfristig am ehesten in einer stabilen Rechtsordnung gewahrt sehen, die es
gegenüber einem dominanten China schützt und seine Privilegien sichert. Darin liegt ein
möglicher Hebel, um Russland wieder in eine europäische Friedenspolitik einzubinden.
2020 / Wer ordnet die Welt? Neue Mächte und alte Institutionen / INSTITUTIONELLE FRIEDENSSICHERUNG
Friedensgutachten 2020
Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
- Titel
- Friedensgutachten 2020
- Untertitel
- Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5381-0
- Abmessungen
- 21.0 x 28.5 cm
- Seiten
- 162
- Schlagwörter
- Frieden, Bewaffnete Konflikte, Sicherheit, Internationale Politik, Entwicklungszusammenarbeit, Krieg, Gewalt, Politik, Konfliktforschung, Globalisierung, Politikwissenschaft
- Kategorie
- Recht und Politik