Seite - 135 - in Friedensgutachten 2020 - Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
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Chinas Wirtschaft profitiert von einem stabilen Freihandelsregime und klaren Rechtsvor-
gaben. Angesichts der Einhegungsstrategie der USA mit Blick auf Huawei, der Handelsstrei-
tigkeiten und des Konfliktes zwischen China und den USA um die Vorherrschaft im Pazifik
sieht sich Peking mit großen Hindernissen konfrontiert, auch infolge der Kosten der Coro-
na-Pandemie. Daher hat China großes Interesse an stabilen kooperativen Beziehungen mit
der EU, die einer der wichtigsten Handelspartner ist. Gelingt es den EU-27, eine gemeinsame
Haltung zu unverzichtbaren Normen gegenüber China zu vertreten, was angesichts der
weit größeren Bedeutung von europäischen Investitionen auch im Kreis der 17+1 möglich
sein sollte, könnte der für Ende 2020 in Leipzig geplante EU-China-Gipfel eine neue Ära
der Zusammenarbeit mit China einläuten. Auf lange Sicht muss Europa darauf achten, dass
es eigene Kapazitäten in Schlüsseltechnologien aufbaut, damit es nicht in den Rivalitäten
zwischen den USA und China zerrieben wird. Gegenwärtig geht es aber nicht um ein „ohne“
versus „mit“ chinesischer Technologie etwa im 5G-Ausbau, sondern darum Kriterien zu ent-
wickeln, die jetzt höchstmögliche Sicherheit und zukünftig Flexibilität gewährleisten.
Russland wird auf längere Sicht nicht mit Chinas Wachstum und Dynamik mithalten können,
sodass es ebenfalls Interesse an einer stabilen internationalen Rechtsordnung hat, die seine
Interessen und Rechte schützt. Russland einen Platz in Europa einzuräumen, der einerseits
seinen Status reflektiert, andererseits die Sicherheit seiner Nachbarn erhöht, bleibt ein frie-
denspolitisches Desiderat. Darum muss Russland signalisiert werden, dass Sanktionen erst
aufgehoben werden und neu über die sicherheitspolitische Architektur in Europa verhandelt
wird, wenn ein stabiles Übereinkommen bezüglich der Ost-Ukraine gefunden ist und sich
Russland und die Ukraine über den Status der Krim geeinigt haben.
Dafür braucht es einen langen Atem. Sanktionen dürfen nicht im Vorgriff einer Einigung
gelockert werden. Sanktionen signalisieren, dass eine Verletzung nicht hingenommen wird.
Dieses Signal ist dringend nötig, denn zuletzt haben zu häufig kurzfristige Eigeninteressen
über die Beachtung von Normen und institutionellen Vorgaben entschieden. Es geht darum,
wieder Glaubwürdigkeit nach innen und nach außen zu entwickeln, um die Attraktivität
internationaler Institutionen zu stärken und damit auf das größte Problem zu reagieren: Die
Zurückhaltung gegenüber der internationalen Ordnung, die nahezu überall zu finden ist. 4
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friedensgutachten / 2020
1 Nach Schätzungen über die nicht veröffentlichten Zahlen.
2 Die sogenannte Doha-Runde war eine ab 2001 unter dem
Dach der Welthandelsorganisation verfolgte Runde von
Verhandlungen zur Reform der Organisation und ihrer
Regeln. Ziel war es, die Anliegen der Entwicklungsländer
in der Weltwirtschaftsordnung stärker zu berücksich-
tigen. Da bei den WTO-Ministerkonferenzen 2013 und
2015 viele der noch offenen Fragen der Doha-Runde
ungeklärt blieben, kann die Runde als gescheitert ange-
sehen werden. 3 The Declaration of the Russian Federation and the Peop-
le‘s Republic of China on the Promotion of International
Law, in: https://www.mid.ru/en/foreign_policy/position_
word_order/-/asset_publisher/6S4RuXfeYlKr/content/
id/2331698; 21.03.2020.
Friedensgutachten 2020
Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
- Titel
- Friedensgutachten 2020
- Untertitel
- Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5381-0
- Abmessungen
- 21.0 x 28.5 cm
- Seiten
- 162
- Schlagwörter
- Frieden, Bewaffnete Konflikte, Sicherheit, Internationale Politik, Entwicklungszusammenarbeit, Krieg, Gewalt, Politik, Konfliktforschung, Globalisierung, Politikwissenschaft
- Kategorie
- Recht und Politik