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DIGITALE TAKTIKEN DES TRANSNATIONALEN MILITANTEN
RECHTSEXTREMISMUS
Ein besonders geeignetes Instrument, auf die „gefühlte Sicherheit“ Einfluss zu neh-
men, sieht die extreme Rechte in den sozialen Medien. Sie dienen ihr nicht nur als
Katalysator von Bedrohungsmythen, sondern haben ihr auch eine organisatorische
Erneuerung ermöglicht. Dabei verwischen die Grenzen zwischen Aktivisten, Anhän-
gern und Publikum zunehmend. Rechtsextreme Agenden bilden sich nunmehr stär-
ker um digitale Kulturen, in denen jene Mythen nicht nur konsumiert, sondern auch
schwarmmäßig reproduziert werden.
Relevant ist dies vor allem, weil eine Wanderung rechtsextremer Online-Aktivitäten
von kennwortgeschützten Foren und speziellen Websites hin zu größeren Main-
stream-Plattformen (z.B. Facebook, YouTube und Twitter) zu beobachten ist, die eine
größere Sichtbarkeit der Inhalte ermöglichen. Sie dienen der extremen Rechten als
massentauglicher Knotenpunkt innerhalb ihres weit verbreiteten Verbundsystems.
Eigene oder adoptierte Plattformen jenseits des Mainstreams bleiben aber von
zentraler Bedeutung für die rechtsextreme Identitätsbildung.
Insbesondere die bildbasierten Foren 4Chan und 8kun (früher 8Chan) werden von der
extremen Rechten nicht nur für die Rekrutierung neuer Anhänger genutzt, sondern
auch, um Kampagnen zu organisieren, mit denen schließlich in den Mainstream-Platt-
formen mobilisiert werden soll. Dabei verschmelzen neonazistische Gedankengebilde
mit den humorgeladenen und ironischen Umgangsweisen in diesen Foren zu einer digi-
talen Hasskultur, die es zunehmend erschwert, zwischen organisiertem Handeln und in-
dividueller Provokation zu unterscheiden. Gezielt rufen rechtsextreme Akteure Gleich-
gesinnte dazu auf, mit ironischen Formaten zu arbeiten, um neue, virtuelle Allianzen zu
schmieden und rechtsextreme Sprachbilder in die öffentliche Debatte zu transportieren.
Eine wichtige Taktik besteht darin, auch Personen zu erreichen, die nicht unbedingt
rechtsextremen Strukturen zuzuordnen sind, die aber eine „migrationskritische“
Einstellung haben, rechte Parteien und Politiker unterstützen und/oder die Ansicht
vertreten, dass die Meinungsfreiheit von einer Kultur der „politischen Korrektheit“
bedroht sei. Solche Zielgruppen werden von der extremen Rechten als „Normies“
gesehen, die radikalisierbar sind, indem man an die Themen anknüpft, die sie bewegen
(→ Nagle 2018). Durch die Verbreitung von Bedrohungs- und Widerstandsnarrativen
konnte eine Art virtuelle Allianz zwischen rechten Parteien und dem militanten
Rechtsextremismus Form annehmen.
Dieses narrative Verbundsystem profitiert vom „Hashtag-Pairing“, einer Technik, mit
der aktuelle Debatten im Mainstream durch rechtsextreme Themen infiltriert werden
(z.B. #WhiteGenocide und #Flüchtlinge). Damit soll einerseits ein breiteres Publikum Wanderung rechts-
extremer Online-
Aktivitäten hin zu
Mainstream-Platt-
formen
Virtuelle Allianz
zwischen rechten Par-
teien und militantem
Rechtsextremismus
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152 2020 / Eine neue Welle des Rechtsterrorismus / TRANSNATIONALE SICHERHEITSRISIKEN
Friedensgutachten 2020
Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
- Titel
- Friedensgutachten 2020
- Untertitel
- Im Schatten der Pandemie: letzte Chance für Europa
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5381-0
- Abmessungen
- 21.0 x 28.5 cm
- Seiten
- 162
- Schlagwörter
- Frieden, Bewaffnete Konflikte, Sicherheit, Internationale Politik, Entwicklungszusammenarbeit, Krieg, Gewalt, Politik, Konfliktforschung, Globalisierung, Politikwissenschaft
- Kategorie
- Recht und Politik