Seite - 120 - in Generative Bildarbeit - Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
Bild der Seite - 120 -
Text der Seite - 120 -
120
Themen (T0) und/oder Bilder (B0) dafür ausgewählt.18 Die Teilnehmer_innen
werden eingeladen, zu diesem Impuls in ihrem Alltag zu fotografieren und
eine Auswahl ihrer so entstandenen Fotos zum gemeinsamen Arbeiten in der
Gruppe mitzubringen. Die intensive Auseinandersetzung mit Wahrgenomme-
nem beim Fotografieren (F) und im Bilddialog (BD) regt dazu an, eigene Bilder
und Themen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und sich zugleich
mit den Bildern und Themen der Anderen in reflektierter Form zu beschäftigen.
Das Fotografieren und der Bilddialog lassen sich beliebig oft wiederholen.
Dabei beeinflusst das gemeinsame Reflektieren und Interpretieren jedes erneute
Fotografieren und die darauf folgenden Deutungsprozesse in hohem Maße.
Mit anderen Worten: Es werden beliebig oft Rekursionsschritte durchgeführt.
Bereits bestehende und neu hervorgebrachte Bilder und Themen „verschach-
teln“ sich ineinander. Die Verschachtelungen nehmen Einfluss auf das weitere
Fotografieren und den anschließenden Bilddialog. Das Generieren und Deuten
eines Bild- und Themenkorpus wird über einen längeren Zeitraum hinweg
als Gruppenprozess gestaltet. Bilder und Themen aller Beteiligten fließen in
den Gruppenprozess ein, wodurch der Gesamtkorpus immer größer wird.
Bestehende Bilder und Themen können immer wieder mit einbezogen werden,
wobei manche mehr Beachtung und Aufmerksamkeit erlangen als andere. Um
im Sinne Paulo Freires aus diesem großen Korpus auf generative Themen zu
kommen, sollten ab einem gewissen Punkt im Prozess keine weiteren Rekur-
sionsschritte mehr vollzogen werden. Wie viele Rekursionsschritte in einem
konkreten Setting notwendig sind, um einen Punkt der Sättigung zu erreichen,
ist vom jeweiligen Kontext abhängig.19 Danach gilt es, durch Mapping (M)
aus den bisher hervorgebrachten Bildern und Themen jene auszuwählen und
zusammenzuführen, die für die Beteiligten im Prozess am meisten Bedeutung
erlangt haben. Beim Mapping werden die gewählten Bilder zu einer Bilder-
landkarte zusammengesetzt, auf der Nah- und Distanzverhältnisse, inhaltliche
Verbindungen und Grenzen zwischen diesen Bildern sichtbar werden. Die
Bilderlandkarte kann als generatives Bild (gB) bezeichnet werden. Durch die
kollektive Deutung der Bilderlandkarte in einem weiteren Bilddialog (BD)
können generative Themen (gT) (Freire 1981: 178) benannt werden. An diesem
Punkt im Prozess endet ein Zyklus Generativer Bildarbeit. Bei Bedarf kann
ein weiterer Zyklus auf den ersten folgen. Dabei können als Impuls generative
Bilder (B0 = gB) und Themen (T0 = gT), die sich im ersten Zyklus ergeben
haben, eingesetzt werden.
Die Ergebnisse der Generativen Bildarbeit (die generativen Bilder/Themen)
verweisen auf unterschiedliche Aspekte, die für das Zusammenleben in
gewissen Situationen kultureller Differenz relevant sind — wie Fragestellun-
gen, bestehende Differenzen und Gemeinsamkeiten, die Entwicklung von
Handlungsansätzen sowie das Reflektieren eigener und fremder Perspektiven.
18 Es ist empfehlenswert, zumindest eines der beiden, T0 oder B0, zu definieren. Wird keines
von beiden definiert, also ein völlig offener Impuls gesetzt, kann dies zu Orientierungslosigkeit und
Unsicherheit bei den Teilnehmer_innen im Gruppenprozess führen. Für die Projektleiter_innen ist es
in einem solchen Fall schwierig, ein Mindestmaß an Prozesssteuerung zu behalten.
19 Meinen Erfahrungen bei ipsum-Initiativen und den Fallstudien entsprechend empfehle
ich, zumindest zwei Rekursionsschritte durchzuführen.
Generative Bildarbeit
Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Titel
- Generative Bildarbeit
- Untertitel
- Zum transformativen Potential fotografischer Praxis
- Autor
- Vera Brandner
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-5008-6
- Abmessungen
- 14.8 x 22.5 cm
- Seiten
- 276
- Schlagwörter
- Forschendes Lernen, Fotografische Praxis, Methodik, Generative Bildarbeit, Grenzarbeit, Kulturelle Differenz, Praxeologie, Selbstversuch, Reflexive Grounded Theory, Selbstwahrnehmung, Fremdwahrnehmungen, Situationalität, Reflexivität
- Kategorie
- Medien